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20.12.2003

Die EU steht vor der Entscheidung, wie streng sie Gentechnik im Saatgut regulieren will.
Die Mehrheit der VerbraucherInnen in der EU bevorzugt Lebensmittel, die auf konventionelle oder ökologische Weise produziert werden. Gentechnik in der Landwirtschaft lehnen sie ab. Der aktuelle EU-Grenzwert vom Juli 2003 für Erzeugnisse, die als gentechnikfrei gelten, lässt jedoch bereits heute einen Anteil von 0,9 Prozent an gentechnisch veränderten Inhaltstoffen zu. Diese Produkte benötigen keine besondere Kennzeichnung. Die Bürgerinnen und Bürger haben also schon im Moment kaum noch eine Chance, Lebens- und Futtermittel mit gentechnisch veränderten Substanzen zu meiden. Nur Bioprodukte, die unter strengsten Kontrollen hergestellt wurden, können noch als unbelastet angesehen werden. Doch auch die ökologische Landwirtschaft sieht sich nun einer Entwicklung entgegen, die ungeahnte Folgen haben würde: Die Europäische Kommission plant, dass sogenannte “zufällige und technisch unvermeidbare” Verunreinigung von herkömmlichem Saatgut mit gentechnisch manipulierten Sorten, je nach Pflanzenart, zwischen 0,3 und 0,7 Prozent toleriert und nicht dokumentiert werden muss. Dies hätte, bei genauerer Betrachtung, eine unkontrollierbare Vermehrung von gentechnisch veränderten Organismen (GVOs) in der EU zur Folge.
Saatgut ist eins der ältesten Kulturgüter der Menschheit. Es steht am Anfang der Nahrungskette, fast alles was wir essen geht direkt oder indirekt darauf zurück. Von ihm hängt unsere Ernährungssicherheit und die künftiger Generationen ab. Was jedoch noch viel entscheidender ist: Saatgut hat die Fähigkeit sich zu vermehren und in der Natur auszubreiten. Das ist selbst dem fachunkundigen Laien klar: aus einem Tomatensamen etwa entwickelt sich eine Staude mit mehreren Kilo Tomaten, die zudem weitere Pflanzen befruchten kann. Aus 5000 Tonnen Raps-Saatgut zum Beispiel, werden auf Deutschlands Feldern 4 Millionen Tonnen Raps. Ausserdem können sich landwirtschaftliche Nutzpflanzen theoretisch mit einheimischen Wild- und Kulturpflanzen kreuzen und eingeschleusste GVOs somit in die freie Wildbahn ausbrechen. Raps (brassica napus) findet unter anderem im Kohl (brassica oleracea) oder im Rübsen (brassica rapa) geeignete, nahverwante Partner. Durch Wind und emsige Insekten wird zudem sein Pollen von einem Feld zum nächsten getragen. Gentechnisch veränderte Pflanzen auf ein einsames Flurstück zu verbannen ist praktisch unmöglich, so dass auch der ahnungslose Biobauer auf seinem Feld die GVOs vom Nachbarn ernten und wiederum vermehren würde. Doch dies ist sowieso noch ein zusätzliches Problem, dass auch und gerade bei bewusstem Anbau von gentechnisch veränderten Sorten auftritt, wie das Beispiel Kanada zeigt. Dort, wo seit Jahren auf riesigen Flächen gentechnisch veränderter Raps angebaut wird, haben einige Biofarmer schon resigniert. Eine gentechnikfreie Produktion, wie sie der Ökolandbau vorschreibt, war durch die Kontamination ihrer Pflanzen mit Pollen von angrenzenden Feldern nicht mehr zu gewährleisten. Krasser noch mutet die Lage in Mexiko an, dem Mutterland des Mais-Getreides. Anfang Oktober wies man dort mit einer Studie nach, dass das Land bereits im grossen Stiel von Gentechnik-Mais durchzogen wird – und das, obwohl der Anbau von solchen Pflanzen in Mexiko noch nicht erlaubt ist. In einigen der rund 2000 untersuchten “normal” erzeugten Maisproben lag der Anteil an GVOs bei einem Drittel. Wissenschaftle sind nun in grösster Sorge, dass ein überspringen der GVOs auf die in Mexiko gedeihende weltweit grösste Vielfalt an wildem Mais auch zu einer Kontamination und somit zum Verlust der unschätzbaren natürlichen Genressourcen führen könnte. Es mussten bereits umfangreiche Sicherheitschecks für alle neu eingesammelten Maisvarianten erlassen werden. Um so Bedeutender ist daher die Unverfälschtheit von konventionellem Saatgut. Was ist zu tun?
Seit dem Bekanntwerden des markanten Richtlinien-Entwurfs zur Gentechnik im Saatgut von EU-Verbraucherschutzkommissar David Byrne im Mai 2002, engagiert sich die Initiative “Save our Seeds” für die Reinhaltung des Saatguts von GVOs. Im September 2002 konnten 50000 Unterschriften gegen die Brüssler Vorschläge der Bundesverbraucherschutzministertin Renate Künast übergeben werden, im Oktober des selben Jahres nochmals 80000 an Byrne. Doch dieser zeigte sich von den Bedenken der EU-Bevölkerung unbeeindruckt und legte seinen Entwurf am 22 September 2003 unverändert dem “Ständigem Ausschuss für Saatgut” vor, der darüber diskutierte. Österreich, Italien, Luxemburg und Dänemark sprachen sich dabei für eine Kennzeichnungspflicht an der Nachweisgrenze (0,1 Prozent) aus. Zwar bestätigten Wissenschaftler bei einer Anhörung des Europäischen Parlaments am 11. September 2003, dass die vorgeschlagenen Grenzwerte extreme knapp bemessen sind, doch belegte Österreich andererseits, dass dort ein seit 2001 geltendes Reinheitsgebot im Saatgut problemlos eingehalten wird. Aufgrund massiver, immer lauter werdender Proteste wurde die geplante Abstimmung über die Richtlinie dann Ende Oktober 2003 in letzter Minute abgesagt und der Abstimmungsmodus geändert. Bei einer wichtigen Verfahrensfrage wurden die Weichen also aufgrund des öffentlichen Drucks entscheidend verstellt. Die Richtlinie tritt jetzt nur in Kraft, wenn eine qualifizierte Mehrheit ihr zustimmt – bisher sollte es ausreichen, wenn diese nicht dagegen ist. Deutschland hat bei der kommenden Abstimmung Ende Dezember 2003 oder Anfang Januar 2004 ein entscheidendes Gewicht, denn es vereint 10 der insgesamt 87 Stimmen auf sich. Noch ist die Bundesregierung jedoch unentschlossen, wie sie sich verhalten soll. Renate Künast ist für das Reinheitsgebot, Wirtschaftsminister Wolfgang Clement unterstützt dagegen den Vorschlag der Kommission. Auch in anderen EU-Staaten haben sich die Regierungen noch nicht geeinigt. Noch kann also jeder und jede die Entscheidungsfindung direkt beeinflussen. Noch ist es nicht zu spät, sich und seinen Kindern die Chance auf ökologisch produzierte Nahrungsmittel zu bewahren. Nun heisst es, sich mit Postkarten, Briefen oder Mails an die PolitikerInnen zu richten und ihnen den eigenen Standpunkt klar zu machen. Das Saatgut muss gerettet werden.
Mehr zu dem Thema erfährt man im Internet unter: www.saveourseeds.org, per Mail bei: info@saveourseeds.org, unter der Adresse: zs-l Zukunftsstiftung Landwirtschaft, Marienstraße 19, 10117 Berlin, Tel: 03027590309, Fax: 03027590312
Auch in vielen Bioläden, Reformhäusern oder an den Ständen der Grünen kann man meistens Informationsmaterial bekommen.
Sonja Yaman, ehemaliges Vorstandsmitglied der Jusos

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