13.12.2003

Internet-Surfen macht Spaß. Und manchmal verirrt man sich auch auf Seiten die so beschränkt sind, dass man darüber teilweise schon wieder lachen kann, beispielsweise die des Bundesverbands der Jungen Union.
Monatelang entdeckt man dort Diskussionen, ob der Bundeskanzler seine Haare färbt. Colorisations-Ehrlichkeit als oberstes Ziel der Jugend. Oder die „Initiative Flatrate“ die den Jugendlichen verspricht: „Mit der Union kommt die Flatrate“, aber weder erkennen lässt, wie das erreicht werden soll, noch ernsthaft Brief und Siegel gibt. Dafür stellt man aber fest: Für 25 Euro soll Mensch von der CDU eine Schmalbandflaterate bekommen: Mit 56K in die Zukunft! Schließlich übernimmt man ja Neues erst, wenn man sich hundertprozentig sicher ist, dass es besser ist als das Alte. Keine Experimente halt. Wahrscheinlich wäre die Seite auch schon mal wieder auf den aktuellen Stand der Technik gebracht worden, hätte man nicht den Zuständigen entlassen, da er unbedingt mit dem Anglizismus für die Flachrate agieren musste.
Weniger spaßvoll reagieren muss man wohl auf die Kampagne „Saddam entwaffnen“, die die JUlerInnen in knalligem rot auf die Welt losgelassen haben. Man mag entgegnen, dass die Mitglieder gerne gen Irak hätten ziehen können. Besser noch, man zeige ihnen mal, wie viele Menschen dafür sterben mussten, dass man den Irak von ABC-Waffen befreit hat, die dann doch nicht vorhanden waren.
Die aktuelle Aktion trifft einen jedenfalls schon beim Aufrufen der Homepage wie ein Blitz. Für Jungunionisten: Das ist die Startseite eurer Weltnetzpräsentation die euer Netzwart hochgeladen hat. Auf blau-grauem Hintergrund springt einen ein „Generation JU“ an. Nach der „Generation Golf“ also mal wieder der Versuch, eine Kohorte mit einem Namen zu versehen?
Christliche Verantwortung: Kondome verteilen am Baggersee.
Im passenden Film lernen wir die Grundwerte der Generation JU kennen: Mut zur Veränderung in christlicher Verantwortung mit klaren Worten. Passend dazu verteilen Unionsanhänger Kondome am Strand. Wenn das der Papst wüsste. Dem Deutschen Volke zum Dienst will man dem Bundeskanzler beim Auszug helfen und die JungsozialistInnen in die Ablage „Überflüssig“ schubsen. Unterlegt ist das ganze mit der Hymne der „Generation JU“, einem billig gemixten Drei-Beat-Elektro-Song dem man den Versuch, cool zu wirken, gleich abnimmt.
Gehen wir das ganze mal pragmatisch an. Wenn eine Organisation Namensgeberin für eine Generation sein soll, könnte man erwarten, dass diese einen signifikanten Anteil der selben als Mitglieder hat. JU-Mitglied kann man werden, wenn man älter als 14 und jünger als 35 ist, in diese Altersklasse fallen laut dem Bundesamt für Statistik zirka 21 Millionen Menschen in Deutschland. Mit ihren 132.000 Mitgliedern verfügt die Junge Union zwar über 90 Prozent der KäuferInnen von weiß-blau karierten Hemden, aber nur über zirka 0,6 Prozent ihrer Generation.
„Generation JU“: Unsozial, ahistorisch, rechtsextrem?
Nehmen wir an, es gäbe doch eine „Generation JU“. Wie sähe sie dann aus? Christliche Verantwortung hieß für Papst Leo den XIII, seinerseits Schöpfer der katholischen Soziallehre wohl noch etwas anderes als für JU-Chef Philipp Mißfelder, der den Entzug von Prothesen für ältere Mitmenschen propagiert und die CDU auffordert, Wahlkampf auf dem Rücken von Ausländerinnen und Ausländern zu machen.
Doch nach Berlin muss man gar nicht blicken, auch in Göttingen zeigen sich die absonderlichen Auswüchse eines Jugendverbandes. Da erklärt der CDU-Hochschulbund RCDS, dass er gegen den Generalstreik sei und meint damit die Blockierung von Hörsälen, wohl unwissend dass in der deutschen Geschichte der Generalstreik als Mittel zur Verhinderung des Krieges mehr bedeutete, als ein paar Kommilitonen vom BWL-Studium abzuhalten.
50% Spaß, 50% Politik als wichtigstes Motto der JU reichte außerdem ihrem SchülerInnen-Nachwuchs nicht aus. Weil Studierende der Georgia Augusta nicht nur Autoscheiben putzen wollten, um das Hochschuloptimierungskonzept der niedersächsischen CDU/FDP-Landesregierung zu verhindern und statt dessen das Oeconomicum besetzen, kündigten die Nachwuchs-Konservativen den Studierenden die Solidarität auf. Man mag hoffen, dass niemand von ihnen später Agrarwissenschaften, Medien- und Kommunikationswissenschaften oder ein anderes unnötiges Fach in Göttingen studieren will. Für die Polit-Azubis ist klar: Man soll mehr Spaß-Aktionen machen und solchen 68er-Kram lassen. Keine Ahnung was 1968 los war, aber das Feindbild ist auf jeden Fall schon mal vorhanden. Schwer ist schließlich aller Anfang. Man könnte ja auch mal wieder einen Kongress zu dem Thema veranstalten, und anerkannte Rechtsextreme einladen ...
Vollkommen unkritisiert jedenfalls bleibt bisher das Göttinger RCDS & JU-Mitglied Christian Vollradt, seines Zeichens Erstunterzeichner des „Kritische Solidarität“-Aufrufs pro Martin Hohmann. Auch in Göttingen gibt es also nach wie vor Menschen, die antisemitische Reden wie die von Hohmann, über das „Tätervolk der Juden“ gut finden. Erfahrung mit Rechtsaußen haben JU & RCDS indes schon seit längerem. Seit mehrere Monate erzeugt ein gewisser Rolf Josef Eibicht, bekannt als Rechtsextremer aus dem Bericht des Verfassungsschutzes, Gästebucheinträge auf den Internetseiten beider Gliederungen. Während Einträge progressiver Natur erfahrungsgemäß schnell verschwunden sind, ist die Duldung von anerkannten Rechtsextremen bei der Jungen Union wohl Konsens.
Schließlich und letztendlich bleibt nur ein froher Gedanke: Die „Generation JU“ gibt es nicht. Sollte es doch eines Tages dazu kommen, so kann es nur ein Fazit geben:
Gute Nacht, Deutschland.
(Stefan Christmann) 
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