29.06.2003

Ich muss zugeben, ich sitze hier gerade ziemlich abgeschottet von der Welt in meinem Zimmer unterm Dach in einem alten Haus mit dicken Mauern und habe die Fenster verschlossen, da der Verkehr von der Straße sonst zu laut wäre. So oder ähnlich muss es unserem Kultusminister Busemann und den anderen Menschen ergangen sein, die an dem neuen niedersächsischen Schulgesetzt, welches am 25.06.03 beschlossen wurde, beteiligt waren.
Und sie tun mir leid! Ja, wirklich, denn sie müssen eine sehr lange Zeit so isoliert verbracht haben, denn ihre Vorschläge sind so veraltet, dass sie selbst für die Anfänge der 50er Jahre nichts Neues gewesen wären. Nun haben wir aber das Problem, dass um diese Menschen herum die Welt nicht stehen geblieben ist. Dieses Schulgesetz beinhaltet Veränderungen, die für Schülerinnen und Schüler, aber auch für die Gesellschaft im Allgemeinen, im 21 Jahrhundert nicht tragbar sind! Die Kernpunkte dieses neuen Gesetzes sind:
- Abschaffung der Orientierungsstufe in Klasse 5 und 6 im Sommer 2004
- Zentralabitur ab 2006 an den Gymnasien
- Einheitlich Prüfung ab 2007 für Abschlüsse an Haupt- und Realschule
- Abitur nach 12 Jahren wird flächendeckend eingeführt
- Nach der 4. Klasse entscheiden Eltern, ob ihre Kinder auf Haupt- oder Realschule, Gymnasium oder Gesamtschule gehen werden, wobei die GrundschullehrerInnen Empfehlungen geben werden
- Es wird keine neuen Gesamtschulen geben, auch wenn die Nachfrage groß sein sollte. Die 60 existierenden dürfen aber bestehen bleiben.
Gut, dass haben wir soweit vernommen, wenn es auch unverständlich ist. Aber es geht noch weiter, unabhängig von der Debatte um das Schulgesetz. Im Eifer des Gefechts, alte Sachen als neu zu verkaufen, hat man auch die Lernmittelfreiheit unter Beschuss genommen. So soll ab 2004 die Lernmittelfreiheit abgeschafft werden. Dies ist zwar noch nicht endgültig entschieden, aber wenn es so kommen sollte, wäre die Unterrichtsqualität unseres ohnehin schon von sozialen Ungleichheiten durchzogenem Schulsystem, von der Finanzkraft der Eltern abhängig.
Die Forderung nach Lehr- und Lernmittelfreiheit geht zurück auf die Forderungen des revolutionären Aufstands von 1848. Bildung sollte für jeden und jede im gleichen Maße zugängig sein. Dieser Gedanke verbindet sich bis heute mit der Forderung nach Lernmittelfreiheit. Und es ist äußerst bedauerlich, wenn die Chancengleichheit in Zukunft nicht mehr im zentralen Blickfeld der Bildungspolitik steht!
(Eva Wucherpfennig) 
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