01.12.2003

Seit mittlerweile 130 Jahren gibt es Sozialdemokratie in Göttingen. Zu diesem "Geburtstag" erschien eine umfassende Festschrift, die die Zeit von den Anfängen über die Jahre des Sozialistengesetzes und der Weimarer Republik, den Wiederaufbau nach 1945 bis heute in mehreren Einzelbeiträgen dokumentiert.
Im Jahre 1873 versuchten lohnabhängige Arbeiter zum ersten Mal in Göttingen eine eigene politische Organisation aufzubauen. Die Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV), die sich an den Grundsätzen und Ideen Ferdinand Lassalles orientierte, hatte es nicht leicht, war aber erfolgreich.
Fünf Jahre nach der Gründung fand die Organisation allerdings bereits wieder ihr Ende, als Reichskanzler Otto von Bismarck am 21.10.1878 das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, später unter dem Namen "Sozialistengesetz" bekannt, durch den Reichstag brachte. Doch selbst dieser schwere Schlag konnte die Sozialdemokratie nicht beseitigen. Bereits ein Jahr noch dem Fall des Gesetzes begann die Organisation erneut und überstand auch die weiteren Repressalien insbesondere der Polizei, die lange Zeit den Rahmen der politischen Aktivität festlegte.
Jenseits der staatlichen Repression bestanden weitere Schwierigkeiten: Die SPD wurde bei der Miete von Versammlungsräumen behindert, Druckereien weigerten sich, Flugblätter zu drucken, Zeitungen berichteten überwiegend negativ. Einen zwischenzeitlichen Tagungsort fand man in der Kaiserhalle, dem Gebäude am Wilhelmsplatz, in dem später das Studentenwerk gegründet wurde.
Um besser arbeiten zu können, erwarben die SPD, sozialdemokratische Vereine und die im ADGB organisierten Gewerkschaften ein Gebäude im Maschmühlenweg außerhalb der Stadt – umgeben von Schlachthof (auf dem Gelände befindet sich heute das Finanzamt), Gaswerk und Güterbahnhof, aber auch vom Bartholomäus-Friedhof und Gärten.
Das entstehende „Volksheim“ beinhaltete unter anderem Säle für Versammlungen, Platz für die Sekretariate der Gewerkschaften, eine Arbeiterbibliothek, die Verlagsräume der sozialdemokratischen Zeitung, des "Volksblattes", sowie eine Gaststätte und einen Kaffeegarten.
Als nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" Anfang 1933 die Verhaftungswellen gegen Funktionäre der SPD begannen, wurde auch das "Volksheim" besetzt. Nach der schweren Beschädigung durch einen Bombenangriff im Jahre 1944 verzichtete der DGB nach dem Krieg auf den Wiederaufbau. Die SPD nutzte anfangs das Verlagsgebäude des "Volksblattes", welches 1983 an Dritte verkauft wurde. Im 130. Jahr ihrer Geschichte in Göttingen verließ die SPD dann diesen historischen Ort und erwarb ein Gebäude in der Nikolaistraße.
Neben der historischen Entwicklung der SPD in Göttingen gehen die AutorInnen auch auf zahlreiche Einzelaspekte der Geschichte der Göttinger Sozialdemokratie. So wird die Gründung des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes in Göttingen beschrieben, ferner sozialdemokratische Aktivitäten in den heutigen Ortsteilen Grone, Holtensen und Weende sowie die Entwicklung vom Ortsverein Göttingen zum Stadtverband.
Daneben enthält das Buch zahlreiche Kurzbiographien bedeutender Göttinger SozialdemokratInnen aus Geschichte und Gegenwart. Ergänzend findet man Listen der Vorsitzenden verschiedener Gliederungen und Statistiken der Wahlergebnisse.
Das Buch ist keine lückenlose Geschichte der SPD in Göttingen – was auch nicht Ziel der AutorInnen war. Es vermittelt aber einen guten Eindruck über die geschichtliche Entwicklung und ist eine gute Quelle für all diejenigen, die mehr erfahren wollen als die abendlichen Erzählungen mancher GenossInnen hergeben.
130 Jahre Sozialdemokratie in Göttingen 1873-2003
Verlag Die Werkstatt (http://www.werkstatt-verlag.de)
ISBN 3-89533-440-5
16,50 Euro – Erhältlich beim SPD-Stadtverband Göttingen (Nikolaistraße 30).
Mit Beiträgen von Karl Drewes, André Förster, Helga Grebing, Horst Henze, Rolf-Georg Köhler, Artur Levi, Frank Möbus, Horst Helmut Möller, Adelheid von Saldern, Oliver Schael, Lucinde Sternberg, Gerhard Ströhlein, Hannah Vogt, Willy Brandt, Gerhard Schröder und Klaus Wettig (Hrsg.).
(Stefan Christmann) 
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