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08.10.2003


In den Abendstunden des 10. Mai 1933 kamen vielerorts in Deutschland Menschen - vornehmlich Studierende- zusammen, um Bücher zu verbrennen. Heute ist es still geworden um diesen Teil der deutschen Geschichte, umso wichtiger ist es also, die Geschehnisse und die verbrannten Bücher wieder in das Bewusstsein der Menschen zurückzuholen.

"Drum griffen sie in ihrem ernsten Grimme

Nach unsrem Wort mit ihrer Mörderhand.

Sie zündeten ein Feuer auf im Land

Und glaubten, daß es in der Glut verglimme.

Sie glaubten, sie verbrennen unsre Stimme.

Doch war es nur Papier, was sie verbrannt."

Erich Weinert

 

 

In seinem Buch "Wider den undeutschen Geist" sammelt Werner Treß akribisch Fakten über die Geschehnisse rund um die Bücherverbrennung im Jahre 1933. Er beleuchtet dabei insbesondere den historischen und kulturpolitischen Kontext, in den sich die studentischen Initiatoren bewusst selbst stellten.

 

Die Bücherverbrennungen waren ein Teil einer vierwöchigen Kampagne des Deutschen Studentenbundes, die mit der Plakatierung von 12 Thesen begann. Die gezielte Hetze dieser Thesen gegen jüdische und "undeutsche" SchriftstellerInnen und die Forderung nach Bereinigung von Bibliotheken, Studenten- und Professorenschaft war der Grundstein für weitere Aktionen wie Schandpfähle, Professorenboykott, Ausgrenzung von jüdischen Studierenden und Büchersammelaktionen.

 

Treß lenkt den Blick der LeserInnenschaft bewusst von der zentralen Bücherverbrennung in Berlin auf die vielerorts lokal durchgeführten, aber zentral organisierten Vernichtungsveranstaltungen. Insbesondere die Georgia Augusta findet mehrfach Erwähnung, da die Vertreibungswellen des NS-Regimes bereits im April 1933 große Auswirkungen auf Forschung und Lehre in Göttingen hatten. Mit der Entlassung des jüdischen Physikers Max Born durch das Preußische Kultusministerium begann das Ende einer goldenen Ära der Naturwissenschaft an der Georg-August-Universität. Neben Born lehrte auch der Nobelpreisträger James Franck dort, weshalb viele Studierende gezielt nach Göttingen gekommen waren. Als hoch dekorierter Frontsoldat hatte Franck seine Entlassung nicht zu befürchten, dennoch setzte er am 17. April ein Zeichen und erklärte seinen Rücktritt als Professor. Wenige Tage später wurde auch die Mathematische Fakultät um einige Köpfe beraubt, unter ihnen der Sozialdemokrat Richard Courant und die Sozialistin Emmy Noether.

 

 

 

 

Werbeanzeige in der Ausgabe der Göttinger Hochschul-Zeitung vom 18./19. Mai 1993 (Quelle: Treß, "Wider den undeutschen Geist")

 

 

Dem gezielten Professorenboykott fiel in Göttingen der Staatsrechtler Gerhard Leibholz zum Opfer: Studenten in SA-Uniform hinderten ihn und seine HörerInnen am Zugang zu den Hörsälen. Sein Status als Frontkämpfer im ersten Weltkrieg schützte ihn bis ins Jahr 1935 vor seiner Emeritierung, später ging er nach Großbritannien ins Exil. Nach seiner Rückkehr war er ab 1951 zwanzig Jahre lang Richter am Bundesverfassungsgericht.

 

Die Bücherverbrennung in Göttingen fand am 10. Mai 1933 statt und wurde vom Rektor der Georgia Augusta, Friedrich Neumann eröffnet. In seiner Rede kritisierte er insbesondere Erich Maria Remarques Werk "Im Westen nichts Neues", in dem Remarque die bedrückende Situation der Frontkämpfer im ersten Weltkrieg schildert und sich nicht an der von den Nationalsozialisten gewünschten Glorifizierung des Krieges und der Aufopferung für eine Nation beteiligt.

 

Während seiner Rede im - nach Angaben des damals NS-freundlichen Göttinger Tageblatts - vom Andrang überlaufenen Auditorium Maximum forderte er mehr als nur das nachfolgende Autodafé (portugiesisch: o auto-de-fé, Glaubensakt, Synonym für Ketzer- und Bücherverbrennung), man müsse "unablässig daran arbeiten, daß unser Volk sein gesundes Wachstum behält und seine innere Eigenart vollendet".

 

Nach einer weiteren Feuerrede des Germanisten Gerhard Fricke zogen die studentischen Gruppen und Korporationen in einem Fackelzug in Viererreihen, teils in SA- und SS-Uniformen und beobachtet von dichten Zuschauerketten auf den Bürgersteigen, vom Weender Tor zum Adolf-Hitler-Platz, dem heutigen Albaniplatz. Dort hielt der "Führer der Studentenschaft", Heinz Wolff, vor dem errichteten Scheiterhaufen mit einem "Lenin"-Schild auf der Spitze, eine kurze Rede über den "undeutschen Geist". Nach dem Singen des Lieds "Flamme empor", einem Gedenklied für die Völkerschlacht in Leipzig, und des Horst-Wessel-Lieds löste sich die Menge auf.

 

 

 

 

Der Göttinger Bücherscheiterhaufen. Dieses Motiv wurde später in Göttingen als Postkarte verkauft.(Quelle: Treß, "Wider den undeutschen Geist")

 

 

Im Landkreis Göttingen gab es am Standort der Forstlichen Hochschule in Hann. Münden am selben Abend eine weitere Verbrennung. Hochschul- und Stadtbibliothek wurden geplündert und ein Handwagen voller Bücher angesteckt.

 

Treß zeichnet in seinem Buch auch die Vernichtungsakte in Städten wie Königsberg, Köln, Bonn, München, Nürnberg, Heidelberg, Mannheim und Dresden detailreich nach. Er sucht Antworten auf die Fragen nach den Verantwortlichen und der Quelle für den ideologischen Hass auf Autoren wie Heinrich Mann, Alfred Döblin, Karl Marx, Artur Schnitzler, Bert Brecht, Franz Kafka, Heinrich Heine und Kurt Tucholsky.

 

Zum Autor:

Werner Treß, geboren 1975, hat sich während seines Studiums der Geschichte und Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin intensiv mit dem Thema der nationalsozialistischen Bücherverbrennung auseinandergesetzt. 2001 realisierte er gemeinsam mit der „Stiftungsinitiative 10. Mai" eine Ausstellung zu diesem Thema.

 

Das Buch:

Werner Treß

"Wider den undeutschen Geist!

"Bücherverbrennung 1933

 

Parthas Verlag, Berlin 2003

ISBN 3932529553, broschiert

248 Seiten, 24.00 Euro

 

 

(Stefan Christmann)