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November 2007

Die Kunst des Kinos.
Inland Empire: Identität, Schuld und Realität im Spiegel des David Lynch.
Die ersten Minuten des Films "Inland Empire" sind für erfahrene Lynch Zuschauer gewohnt ungewöhnlich. Eine Langspielplatte wird gezeigt und von verschiedenen Gesprächsszenen und Personen szenisch überlagert. Dazu ertönt eindringliche Musik. Eine junge Dame sitzt verzweifelt in einem hotelähnlichen Zimmer und richtet ihren Blick hoffend auf einen Fernseher. Mit dem Blick des Mädchens gelangt der Zuschauer in die erste wirkliche Szene des Films. Der weibliche Hauptcharakter, die Schauspielerin Nikki Grace (Laura Dern), empfängt in ihrer antik eingerichteten und nostalgisch wirkenden Villa eine neue Nachbarin. Mit einem osteuropäischen Akzent fragt diese Nikki, ob in nächster Zeit schreckliche Dinge geschehen werden, ob nicht etwas Gewaltsames bevorsteht und schildert ihr zwei eindringliche, jedoch mysteriöse Parabeln.
When the boy went out in the world to play, evil was born and followed the boy.
When the girl went out to play, though, the girl got lost in the marketplace, which pretty much sums up what happens to most pretty actresses in Hollywood.
Weder der Fortgang des Films, noch Nikki lassen sich durch diese Begegnung aus dem Tritt bringen. Nikki bekommt ihre erhoffte Rolle in dem Film "On High in Blue Tomorrows" an der Seite ihres Kollegen Devon Berk (Justin Theroux) unter der Regie von Kingsley Stewart (Jeremy Irons). Wähend der Dreh des Films seinen Anfang nimmt und auf süffisante Weise einige Spielregelns des Filmgeschäfts aufs Korn genommen werden, bringen zwei Geschehnisse die Linearität des Films und die Wahrnehmung von Nikki suksessive durcheinander.
Trotz der aggressiv-neurotischen Eifersucht ihres Ehemanns (Peter J. Lucas) kommen sich Nikki und der bekannte Schürzenjäger Devon näher. Ihre Begegnungen werden intensiver, die Angst und Schuldgefühle Nikkis spürbarer und unter der in Todesdrohungen übergehenden Eifersucht ihres Mannes, geraten Film und Realität zunehmend durcheinander. Als sich dann herausstellt, dass der Film "On High in Blue Tomorrows" das Remake eines deutsch-polnischen Films namens "47" ist, bei dem die Hauptdarsteller unter ungeklärten Umständen ums Leben kamen, brechen Raum und Zeit, Identität und Selbst, so wie Film und Realität in atemberaubender Weise auseinander. In der Mitte von "Inland Empire" eröffnet sich der ersehnte Lyn'sche Mix aus endlos erscheinenden Labyrinthen unterschiedlichster Handlunsgstränge, escherhafter Gänge und Räume, deren Ordnung höchstens erahnt werden kann.
David Lynch betonte in vielen Interviews zu diesem Film, dass er selbsts nicht genau wüßte, welche Ordnung hinter den Geschehnissen liegt. So ist es durchaus vorstellbar, dass es die durch die krankhafte Eifersucht ihres Mannes ausgelöste Schuld Nikkis ist, die nicht nur das auseinander Fallen ihrer Identität bedingt, sondern die gewohnte Struktur des Kinos auflöst und in eine ästhetisch gelungene Kompsosition aus Räumen, Formen, Licht und Musik entläßt.
Nikki begegnet auf ihrer Odysee nicht nur einer Gruppe von jungen Prostituierten, die auf der zwielichtigen Seite Hollywoods ihren Lebensunterhalt verdienen und kryptische Lebensweisheiten von sich geben, sondern wird von ihrem anderen Ich, Susan Blue, verfolgt. Am Ende sticht diese Nikki direkt auf dem Sunset Boulevard mit einem Schraubenzieher nieder und sie verblutet vor einer Garage neben einigen Obdachlosen. Die Filmcrew um den Reggisseur Kingsley ist von Nikkis Darbietung begeistert und während man als Zuschauer auf eine Klärung der ineinander übergehenden Ebenen von Fiktion und Realität hofft, stolpert Nikki vom Set. Obwohl sie am Ende der jungen Dame der Anfangsszene begegnet und sich beide versöhnlich in den Armen liegen, scheint sich Nikki in den myriadischen Realitäten eines hochgezüchteten Filmgeschäfts verloren zu haben.
Es läßt sich lediglich erahnen, welche Zusammenhänge zwischen den einzelnen Ebenen und Handlunsgsträngen des Filmes bestehen. Dennoch bietet der Film nicht nur eine intensive Darstellung von Laura Dern, gewohnte Schockeffekte, surreale Szenen mit menschengroßen Hasen, sondern auch genügend Raum für den Zuschauer über die verschlungenen Bahnen nachzudenken, die das eigenen Leben immer wieder bereit hält. Dabei kommen neben elementaren menschlichen Fragen wie Schuld und Verantwortung auch Fragen nach der persönlichen Entwicklung und den Konsequenzen, die unsere Lebensentschiedungen mit sich tragen zur Sprache. Wer sich zutraut, einer drei Stunden währenden, gänzlich ungewohnten Art des Kinos zu begegnen, kommt gewiss auf seine Kosten.
Thorsten Hasche
Inland Empire
Regie: David Lynch
173 Minuten
USA, Frankreich, Polen
Studio Canal

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