November 2007

Der Gang ins Theater wird zu Göttingens schönster Neubürgerpflicht
Das Junge Theater Göttingen (JT) sollte so selbstverständlich ins Freizeitprogramm von jungen Menschen aus Göttingen und anderswo gehören wie der Besuch von Kinos und Kneipen. Darüber sind sich zumindest die Kulturfans und die Kommunalpolitiker(innen) einig. Warum denken aber viele zugezogene Studenten nicht ans JT, wenn sie ihren Abend planen?
Die Rote Grütze unterzog sich einem Selbsttest, um der Sache auf den Grund zu gehen. In der vergangenen Spielzeit, politisch unkorrekt „Heimatfront“ genannt, besuchte unser Redakteur Martin mehrere Vorstellungen und machte am Ende eine Probe aufs Exempel: Zweimal dasselbe Stück! Warum es sich gelohnt hat, erfahrt Ihr hier…
Die Probleme eines Theaters in der Provinzstadt Göttingen
Das JT Göttingen hat eine lange Geschichte. Vor allem eine des Kampfes um die eigene Geschichte. Vor drei Jahren kam die Pleite. Das Theater musste Konkurs anmelden und hat auch jetzt noch mit der Aufarbeitung zu tun. Der Kampf um den Erhalt des Theaters ging so weit, dass verschiedene Konzepte der Schließung und des Weiterbetriebs direkt gegeneinander aufgestellt und aneinander gemessen wurden. Die CDU schlug – im Einklang mit dem damaligen Intendanten Thorsten Schilling – den Verzicht auf ein eigenes Ensemble vor. Die Zukunft wäre Theater als Bühne. Nur halt ohne Schauspieler. Buchbar wie ein Dorfgemeinschaftshaus, als Reiseziel von Theaterproduktionen, die keine Bühne, dafür aber Schauspieler haben. Warum man dieses Konzept ausprobieren sollte, war unklar: Man hätte das Gebäude auch gleich zu einem Parkhaus machen können.
Diesen Kampf hat die Belegschaft zusammen mit dem (trotz Schilling) verbliebenen Publikum sowie der rot-grünen Mehrheit im Stadtrat gewonnen. Mit Andreas Döring kam ein neuer Chef ans JT. Er sah und siegte. Steigende Publikumszahlen. Ehrliche Aufarbeitung der Fehler aus mehreren Jahrzehnten. Wenn Krise, dann richtig. Rückendeckung bekommt er von seinem Ensemble sowie mächtigen Fans. Ein Aufsichtsrat, der sich zum Wiederaufbau gegründet hat, bringt langfristig Struktur in die von Natur aus unstete Institution „Theater“. Seit drei Jahren macht das Theater mit Zuschauerzuwachs und tollen Konzepten von sich reden. Die JT-Jugendtheatergruppe proben mit richtigen Profis, Eltern pilgern mit ihren Kindern auch in die anderen Stücke. Die Gastronomie ist besser geworden. Kurzum: „Der Kampf ums Paradies“ – Andreas Dörings erstes Stück für und mit Göttingen – wurde gewonnen. An der Heimatfront. Wo aber bleiben die Schulklassen? Wo sind die Studis, die jedes Jahr nach Göttingen kommen? Im Kino, in der Kneipe oder Disco? Wohl ja.
Der Kampf ums Paradies geht weiter. Ein Theater kann nur existieren, wenn das Publikum kommt. Und der Kampf wird vermutlich nicht leichter werden: In den Schulen, die früher zu sicheren Einnahmequellen gehörten, ist die Technik soweit fortgeschritten, dass alle behandelten Stücke auch aus der DVD-Konserve gesehen werden können. Nichts freut einen Lehrer so sehr wie die Erfindung der Pause-Taste. Fürs Theater gibt es so was nicht. Zudem sind viele „Klassiker“, für die sich ein kollektiver Theaterbesuch mit dem Kurs lohnt, dank der CDU/FDP-Landesregierung aus den Lehrplänen für die Oberstufe gestrichen worden. Dadurch wurde Platz für die teils absurden Themen des Zentralabiturs geschaffen. Kein Faust in der Schule – keine Gruppen bei Faust im Theater. So einfach ist das. Keine Chance für das Junge Theater, daran was zu verändern. Keine Jugendlichen, die in der Schulzeit auf den Geschmack gekommen sind, sich ans Theater gewöhnt haben und nach dem Abi das Erlernte freiwillig im JT umsetzen.
Manch Lehrer mag sich auch denken, dass er den SchülerInnen einen Gefallen tut, wenn das Geld für den Theaterbesuch gespart werden kann. Zumindest sollte hierüber nachgedacht werden. Das Geld ist auch bei anderen ZuschauerInnen knapper geworden: Durch die Einführung von Studiengebühren vor einem Jahr stehen die meisten Studentinnen und Studenten mit 1.000 EUR weniger Verfügungsmasse pro Jahr da. Wo sparen, wenn nicht bei den freiwilligen Ausgaben?! Studiengebühren gehören abgeschafft.
Dies im Hinterkopf fühlt man sich schon fast schuldig, die freien Abende der letzten Theaterspielzeiten fast regelmäßig auf den Rängen der BG74 Göttingen verbracht zu haben. Diese Truppe ist ebenfalls wichtig für Göttingen und bietet Unterhaltung. Nach dem Aufstieg in die 1. Herren-Bundesliga wurde die Mannschaft in eine GmbH ausgegliedert und wird profitorientiert geführt. Zumindest so profitorientiert, wie das bei Sport oder Theater möglich ist. Wichtig und teuer sind beide für die Stadt, sie sind beide ohne Unterstützung durch Stadt und Zuschauer nicht überlebensfähig. Besteht letztlich – genau wie im Terminkalender des potenziellen Publikums – Konkurrenz zwischen Theater und Profisport in Göttingen?
Der Kampf um Einwohnerzahlen und nationalen Ruf wird schärfer geführt als früher - der Verlust einer Einrichtung würde unweigerlich zu schrillen Abgesängen auf die Provinzstadt Göttingen führen. Beide Einrichtungen treffen sich seit dieser Spielzeit bei der Stadt und beantragen Zuschüsse aus den Steuertöpfen. Zum Glück gibt es noch andere Einrichtungen, denen es ähnlich geht, weswegen sich die Konkurrenz um öffentliche Förderungen auf viele Schultern verteilt. Allein in meinem Kopf ist es ein Duell zwischen Hospitalstraße und Bahnhofsallee. Kuschelige Wärme wird in den Haushaltsdebatten nicht zu kreieren sein.
Theater lebt von Vielfalt: Jedes Stück ist anders
Also entschied ich mich, verstärkt auch wieder das Theater auszuprobieren. Im letzten Jahr durch ein neues Lieblingsstück („Bedtime for Bastards“ im JT) angelockt, besuchte ich auch Anatevka im Deutschen Theater. Die Spielzeit-Eröffnungsparty des Jungen Theaters, bei der Ausschnitte aus den neuen Stücken aufgeführt wurden, gehörte auch zur Einleitung dieser Spielzeit. Meine Lieblingsschauspielerin aus dem JT, Karin Hanczewski, war an eben jenem Abend verhindert - ein Grund mehr für mich, auch weitere Stücke im Hinterkopf zu behalten, die auf der Eröffnungsparty nicht vorgestellt wurden.
Auf dem Spielplan stand zunächst „Das Tagebuch der Anne Frank“ – für mich weitgehend uninteressant. Vielleicht ein Stück, um die Schulklassen ins Theater zu holen? Ich beschloss, dieses Stück nicht zu sehen und freute mich für diejenigen, die ein sinnvolles Angebot bekommen haben, den Unterricht lebendiger präsentiert zu bekommen – unsere Zentralabi-geplagten Lehrerinnen und Lehrer. Gleiches gilt natürlich für „Alice im Wunderland“, das sich in meinem Kopf wie Kindertheater anhört. „Mutter Courage“ und „Emilia Galotti“ fielen meiner Kopfsense ebenso schnell zum Opfer. Das eine Stück kannte ich zu Genüge aus der Schule, das andere brauche ich nicht für meine Charakterbildung. Ich weiß, dass ich damit einen Fehler mache. Ich gehe schon seit Jahren nicht ins Theater oder Kino, wenn die Worte Liebe, Schokolade oder irgendeinen Frauenvorname im Titel vorkommen. Werft mir ruhig vor, dass ich mit „Die zauberhafte Welt der Amélie“ oder „Sophies Welt“ was tolles verpasst habe. Mir egal. Zu groß ist mein Bedürfnis, tiefgründig mitgenommen zu werden. Ganz so wie bei „Bedtime for Bastards“.
„Die Grönholm-Methode“, ein Stück über moderne Assessment-Center-Auswahlverfahren sowie Konkurrenzdruck und Eigenprostitution junger Arbeitssuchender war schon eher mein Ding. Besonders erfreulich: ich wurde von Dirk Böther, einem der kommunikativen JT-Schauspieler, in der Kneipe auf meinen Theatergeschmack angesprochen und ins Stück gelockt. Umso mehr Freude hatte ich dann eine Woche später beim Kauf der Eintrittskarte! Was im Stück klar wurde: Assessment-Center erzeugen das Gegenteil von Teambuilding. Der Grund dafür sind die angewandten Prüfungsmethoden, die Stress und Ellenbogen-Mentalität zum Erfolgsmodell machen. Vom Team des JT perfekt vorgeführt, genau zu dem Zeitpunkt, als die Wissenschaft die Fehler der Testmethoden erstmals beweisen konnte. War die Aktualität des JT ein Zufall oder Weitsicht des Intendanten? Egal, weil super. Leider nur nicht „mindfucking“ genug für mich und meine Begleiterinnen und Begleiter. Glatte 2.
Wie es weitergeht, welche Stücke Martins Interesse so richtig geweckt haben und warum Theater für Göttingen essentiell ist, erfahrt ihr in der nächsten Ausgabe.
Martin Koch

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