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November 2007

Historische Reflexionen über die "Internationale"

 

Jede Partei hat ihr eigenes Parteilied. Die SPD ist da keine Ausnahme. Das Parteilied vereinigt die Mitglieder der Partei, trägt zur Feierlichkeit bei. Aus dem Lied können wir die Geschichte und die Prioritäten der Partei erfahren. Als ich ein SPD-Mitglied wurde, erfuhr ich, dass ihr Lied die «Internationale“ ist.

 

Dieses Lied hat das Arbeitsvolk schon vor 120 Jahre gehört. Und von jener Zeit an wurde die «Internationale“ eine Hymne der internationalen Arbeiter und proletarischen Bewegung. Heute muss die Arbeitsklasse in Europa nicht mehr einen revolutionären Kampf für die eigenen Rechte führen. Man muss nicht die Waffen ergreifen und die Revolutionen organisieren. Auch eine unterdrückte Klasse gibt es heute in Europa nicht mehr. Heute können die Probleme der Arbeitsklasse in der Gewerkschaft, im Gericht, in staatlichen Ämtern gelöst werden.

 

Die Demokratie in Europa lässt jedem Bürger die Möglichkeit, gehört zu werden. Die Demokratie lässt zu, dass die eigenen Rechte nicht von der eigenen Macht abhängen, sondern durch allgemeine und gleiche Gesetz gewährleistet werden. Dank der SPD, sind die Werte der Arbeitsklasse die vorrangigen Werte für den Staat und die Gesellschaft. Deshalb gebe ich mir die Frage auf: „Ob ist heute das Parteilied aktuell und fürwahr parteiprägend ist? Ist nicht die Zeit gekommen, das veraltete Lied auszutauschen?“

 

Wir können die „Internationale“ nicht vergessen. Die „Internationale“ hat einen wesentlichen und würdigen Teil in der Arbeitsbewegung eingenommen. Aber ist es moralisch richtig, die „Internationale“ für unser Parteilied zu halten? Die Geschichte der „Internationale“ ist edel, aber sie ist gleichzeitig furchtbar. Bis 1944 war die „Internationale“ die Hymne UdSSR. Dies war die blutige Stalinzeit. Ein großer Teil der Bevölkerung des Landes befand sich in den Gefängnissen und den Arbeitslagern. Unter der Musik und dem Text der „Internationale“ kämpfte die sowjetische Armee gegen Finnland und okkupierte das östliche Polen. Unter den Lauten dieses Liedes wurden in der Sowjetunion unschuldige Arbeiter, Wissenschaftler, Bauer, Musiker und Dichter erschossen.

 

Auch in der DDR wurde die „Internationale“ zu staatstragenden Veranstaltungen gespielt und von der verbrecherischen Macht missbraucht. Noch im Oktober 1989 sangen die führenden Persönlichkeiten der DDR die „Internationale“ auf dem 40. Jubiläum DDR. In dieser Zeit ließen sie in Dresden, Berlin und Leipzig die friedlichen Leute auf den Demonstrationen verprügeln. Ist es also richtig, die „Internationale“ für das Hauptparteilied zu halten, obwohl es eine solch furchtbare Geschichte hat? Ich denke nicht. Eine neue Zeit benötigt neue Lieder. Ich beanspruche nicht, mit dieser Meinung die einzig Richtige zu besitzen. Aber ich bin überzeugt, dass die von mir gestellte Frage die Diskussionen verdient. Ich lade Euch zur Diskussion ein.

 

Anton Chtcheglov