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Oktober 2006

Tranqulia bedeutet ruhig und ist meiner Einschätzung nach das am häufigsten benutzte Wort in Andalusien. Das erscheint auf den ersten Blick ungewöhnlich, denn in der andalusischen Provinzhauptstadt Córdoba geht es nach mitteleuropäischer Auffassung nicht besonders tranquila zu. Der Lautstärkepegel von Autos, Motorrollern, schreienden Kindern und im Zusammenhang damit auch schreienden Müttern und dem allgemeinen Stimmengewirr auf der Straße und in den Gassen ist beeindruckend. Dieses so oft gehörte Wort tranquila bezieht sich aber weniger auf die Lautstärke, als viel mehr auf die Lebenseinstellung der Cordobesen und wird durch ein sehr passendes „no pasa nada“, was wörtlich übersetzt es passiert nichts heißt und in etwa „ist nicht schlimm oder das macht nichts“ bedeutet, ergänzt. Die Cordobesen sind also ein entspanntes Völkchen und das spiegelt sich auch in dem Innenleben der andalusischen Häuser in der Judería, dem alten jüdischen Viertel, wieder. Genauer gesagt in den Patios ( den blumigen Innenhöfen). Besonders zur Mittagszeit, in der Zeit der Siesta, hat man den Eindruck sich in einem kleinen verschlafenen Nest zu befinden. Und was kann man sich Schöneres vorstellen mitten am Tag faul im Patio zu liegen hin und wieder ein paar Wörter auszutauschen und zwei Stunden einfach nichts zu tun und das ohne schlechtes Gewissen, da Siesta ist und zwischen 14:00 und 17:30 die Straßen leer sind, weil es ab Mai einfach zu warm ist um etwas anderes zu tun als es sich im Patio gemütlich zu machen.

 

Neben diesem Leben hat die Stadt auch historisch spannende Skurrilitäten zu bieten. Córdoba ist vor allem für das eigentümliche Bauwerk – die Mezquita - weltbekannt. Der Habsburger Kaiser Karl V. ließ im 16. Jahrhundert mitten in der riesigen maurischen Moschee eine Kathedrale errichten. Kulturhistorisch betrachtet ein Akt der Barbarei. Aber gerade wegen dieser einzigartigen und zugleich eigenartigen Symbiose christlicher und moslemischer Baukunst lockt die Mezquita viele Besucher.

 

Die Judería, jener Stadtteil hinter der Mezquita, in dem ich das Glück hatte wohnen zu dürfen, ist sicherlich das beschaulichste Plätzchen Córdobas. Zwar reihen sich in einigen Gassen die Souvenirgeschäfte aneinander, aber wer einmal um die Ecke geht, findet sich schnell in einer ruhigen Atmosphäre mit pittoresken Gässchen, weiß gekalkten Häusern und konkurrierenden Patios wieder. Das eigentlich Schöne an diesem Barrio ist, dass Mensch seinem Glück nicht aus dem Weg gehen kann, denn es kann einem nichts Besseres passieren, als sich in den kleinen Gässchen der Judería zu verlaufen und das wird zwangsläufig geschehen. Wenn dies passiert, keine Angst, es wird sich sicherlich ein netter Cordobese finden lassen der einem den Ausweg aus diesem Labyrinth zeigt. Bis es aber soweit ist sollte man die Überraschungen, die einen hinter jeder Ecke erwarten genießen und sich durch die engen Gassen vorbei an alten Kirchen über Plätze mit wunderschönen Brunnen und Orangenbäumen treiben lassen. Besonders Nachts kann es an der ein oder anderen Stelle in dem alten jüdische Viertel etwas unheimlich werden, wenn beispielsweise hinter der Ecke eine schwarze, weinende Marienfigur auftaucht, die nur von rotem Kerzenlicht beleuchtet ist.

 

Wenn wir nun schon in der dunkleren Zeit des Tages angekommen sind, lohnt es sich einen Abstecher zum Thema Tapas zu machen. Das sind kleine Portionen von unterschiedlichsten Gerichten, aber immer mit viel Olivenöl. Woher der Name kommt ist nicht ganz klar. Es gibt zwei Variationen der Geschichte des Namens: In der ersteren sollen angeblich die Wirte früher die Gläser ihrer Gäste mit einem Tellerchen abgedeckt haben, um sie vor lästigen Fliegen zu schützen. Irgendwann kam der erste auf die Idee, ein paar Oliven mit Schinken- und Käsescheiben darauf zu legen. Nach alter Tradition genießen die Spanier ihre „copas“, ihre Gläschen, nämlich nicht solo, sondern nur in Begleitung von etwas Festem zwischen den Zähnen. Eine andere Legende sagt, dass der Name Tapas von der Tatsache herrührt, dass die südspanischen Leckerbissen den Magen verschließen und damit verhindern, dass der Alkoholspiegel zu stark ansteigt. Tapas Essen bedeutet übrigens nicht, dass man in einer entspannten Runde zusammen sitzt und es sich gemütlich macht auf seinem Sitzfleisch, es hat eher was sportliches, denn es wird nie lange in einer Tapas Bar verweilt. Hier wird eine Salmorejo (kalte Tomatensuppe) gegessen, dort ein kleines Stückchen Tortilla und in einer anderen Bar ein paar Oliven. Das Ziel des Abends besteht im unterwegs sein – es kann also gesagt werden, der Weg ist das Ziel und dass ist doch ziemlich tranquila.

 

Eva Wucherpfennig