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August 2006

Die Wolken über Göttingen hingen tief. Es war angenehm warm, doch lag der Regen drohend über der Stadt. Es schien, als kündigte sich etwas an. Schon nach einigen hundert Metern nach dem Verlassen meiner Wohnung zeigte sich mir ein Teil dessen, was die Wolken anzukündigen schienen. Die Godehardstraße war gesäumt von einem halben Dutzend Mannschaftswagen der Polizei. Zusätzlich war die Eisenbahnunterführung der Godehardstraße, sowie alle Zugänge zum Bahnhof für den Publikumsverkehr gesperrt.
Nein, es war kein hochrangiger Staatsgast, der in Göttingen ankam, um zum Beispiel an einem weltpolitisch wichtigen Gipfeltreffen teilzunehmen. Auch George W. Bush kam nicht vorbei, um - warum nicht - mit Universitätspräsident Kurt von Figura eine Bratwurst zu essen oder gar ein Spanferkel zu grillen. Ich rieb mir also die verwunderten Augen und wurde mir bewusst, dass heute die NPD auf dem Göttinger Bahnhofsvorplatz demonstrieren wollte. Wobei mir bis heute nicht ganz klar geworden ist, was denn die NPD überhaupt zu zeigen hätte.
Das Ausmaß der Demonstration zeigte sich erst, nachdem ich und mein Mitbewohner Carsten es geschafft hatten, an der Eisenbahnunterführung an der Güterbahnhofstraße einen Polizeiposten zu passieren. Wie wir später erfuhren, waren wir einige der wenigen, die weder ihre Ausweise vorzeigen, noch etwaige Kleidungsstücke zwecks Leibesvisitation ausziehen mussten. Die gesamte Stadt war - ein wenig fühlten wir uns an ein kleines gallisches Dorf zu Zeiten der Eroberungskrieg Gaius Julius Caesars erinnert - von etwa 6000 Polizisten in martialischer Kampfmontur belagert. Zusätzlich kreisten einige, sich ständig abwechselnde Polizeihubschrauber über der Stadt, um die eigene logistische Meisterleistung aus der Vogelperspektive zu bewundern.
In der Innenstadt wurde die fast gespenstische Szenerie, nicht selten sprachen andere Demonstartionsteilnehmer von "Big Brother", dann aufgelockert durch etwa 3000 Göttinger Gegendemonstranten, die erfreulicherweise die Anzahl der aus ganz Deutschland angereisten Linksautonomen übertrafen. Ein repräsentativer Querschnitt der Stadt hatte sich am Platz der Synagoge, aufgerufen durch Parteien und Gewerkschaften, sowie Jugendverbände und Antifa-Bündnisse, eingefunden und wartete artig auf den Beginn des Marsches durch die Göttinger Innenstadt.
Dieser wurde die gesamte Dauer über durch die bereits erwähnte und zu keinem Zeitpunkt zu übersehende Polizeipräsenz begleitet. Es ging sehr freundschaftlich zu. Man zeigte Gesicht gegen Rechts, skandierte Parolen, lauschte den einfallsreichen Schmährufen der Linksautonomen und versuchte, nicht einem angespannt schauenden Polizisten in die Arme zu stolpern. Die Versuche der Linksautonomen, die Polizei durch Provokationen zu Aktionen zu verleiten blieben - im Verhältnis zum Oktober letzten Jahres - glücklicherweise aus. Insgesamt schien der "Schwarze Block" durch die Überpräsenz der Polizei in seinem Gewaltpotential gehemmt und trottete besonders gegen Ende der Demonstration nur noch lustlos mit.
Gegen Ende des Demonstartionszuges kam dann zwischen mir und meinem Mitbewohner noch eine wichtige, fast vergessene Frage auf: "Was ist und vor allem, wo ist die NPD?". Nach einigem Wundern und Nachfragen fanden wir heraus, dass die NPD mit insgesamt 210 Teilnehmern kurz am isolierten und von der Außenwelt abgeschlossenen Göttinger Bahnhof ankam, vielleicht noch eine Bratwurst aß, und dann ungesehen wieder verschwand.
Kurz stand uns beiden der Mund offen. Wir wußten nicht ganz, wozu denn nun der ganze Aufwand nötig gewesen sein sollte. Immerhin kostete der Polizeieinsatz fast 10 Millionen Euro. Doch dann wurde uns bewußt, dass es gar nicht besser hätte ablaufen können. Der dumpfe, braune Sumpf vertrocknete in Göttingen schneller, als man gucken konnte und so gehörte die Demonstration zum größten Teil den Göttinger Bürgern, die dadurch zeigten, dass es in Göttingen kein Fußbreit für Faschisten gibt!
Thorsten Hasche 
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