Startseite

Rote Grütze
   Jusos
   Kommunal
   Überregional
   Personality

Vanillesoße
   Gedruckt
   Gehört
   Gesehen
   Geschmeckt

Impressum


Juni 2006

Der Historiker Thomas Frank, Jahrgang 1965, beantwortet auf 302 Buchseiten die Eingangsfrage musterhaft am US-Bundesstaat Kansas, wie es sein kann, dass die breite US-Arbeiterklasse sich zum Teil konträr zu existenziellen Interessen entscheidet und konsequent für neokonservative Republikaner mit ihrer Galionsfigur Georg Walker Bush stimmt. Getrennt in zwei Buchteile, wobei der erste Abschnitt im Schreibstil journalistische bis dokumentarische Züge offenbart, ist der zweite Buchteil in Perspektive eher essayistisch bis subjektiv eingefärbt. Sinnvoll ergänzend zum Text finden interessierte Leser(Innen) am Ende auf über 30 Seiten informative Anmerkungen über durchgeführte Interviews, Hinweise und Ergänzungen über lokale Bezüge und weiterführende Quellennachweise im Internet.

Zur Jahrtausendwende beobachtet der Autor, der zugleich Chefredakteur des us-amerikanischen Magazins „The buffler“ ist, mobilisieren die Konservativen Wählerpotentiale mit brisanten gesellschaftlichen Themen: Kritisiert wird lautstark unchristliche Kunst oder medizinische Praktiken beim Abbruch von Schwangerschaften. Thematisch gekoppelt werden solche Themenfelder mit unternehmerfreundlicher Wirtschaftspolitik. Gestimmt wird gegen Abtreibung, was Wähler bekommen, ist eine Steuersenkung auf Vermögenserträge. Gestimmt wird für aussichtsreiche ökonomische Stabilisierung des eigenen Landes, für ein seelenstarkes Amerika, was US-Wähler bekommen, ist eine flächendeckende Entindustrialisierung. Es mögen bei den Konservativen während der Wahlreden altmodische Werte zählen, haben die Volksvertreter das Mandat politisch erstritten, so reflektieren politisches Handeln und plutokratisches Tun primär ein Verständnis für niedrige Löhne und schwachen Umweltauflagen. „Die Anführer des Backlash mögen christliche Worte im Munde führen, aber in der Realität dienen sie vor allem den Unternehmen“, resümiert Frank.

Selber aufgewachsen im rural geprägten Kansas fächert der Verfasser das politische Farbenspektrum auf. Erörtert exemplifikatorisch politische Handlungsweisen der „roten“ Republikaner und „blauen“ Demokraten. Der Rancher Bush findet bei weiten Anteilen der US-Bevölkerung mehr Akzeptanz als der Gegenpol und kosmopolitische und frankophilie Kerry. Anhand zahlreicher lokaler Einzelbeispielen offenbart der Autor Frank wie sich die Stimmung der Wählerschaft zugunsten eines basisnahen Konservatismus verschob. Ressentiments gegenüber aufgeschlossenen Universitätsstädten konstant anschwollen, Vorbehalte gegenüber den liberalen Mainstream sich verbreiteten und politische Mehrheiten der Demokraten in form von Wählerstimmen verloren gingen. Deskriptiv und repetitiv filtert Frank Gründe heraus, warum konservative Politiker und deren Programme auch bei Arbeiterschichten momentan mehr Zuspruch erhalten.

Die Goodwill-Tour des Autors durch seinen Heimatstaat erheitert im zweiten Buchteil beim Zusammentreffen mit religiösen Schwestern und Brüdern stückweise. So äußert sich öffentlich eine weiblich konservative Abgeordnete ihre Skepsis an der Aufrechterhaltung des Frauenwahlrechts und ein verstoßender Katholik, parallel Eigentümer eines Ramschladens, will sich zum Gegenpapst berufen lassen. Unter Umständen bleiben dem mitteleuropäischen Leser bei der Lektüre Unklarheiten bei Allegorien aus dem us-amerikanischen Kulturkreis, wie die populistische Ausdruckskraft von amerikanischen Automarken und diversen Aufklebern von Handelsketten. Der Lesefluss wird dadurch nicht zunichte gemacht.

Frank’s Kritik bröckelt allerdings an gewissen Stellen: 1.) So kann der Buchautor seinen Unmut über Entlassungen der Arbeitnehmer kritikreich niederschreiben, gegen neoliberale Platitüden toben und wüten. Nur sollte an manchen Stellen pauschale Aburteilungen begrenzt werden und zum Beispiel zwischen ortsansässigen mittelständischen Betrieben und transnationalen Großkonzernen fein getrennt werden. 2.) Geodeterminismus als rechtzufertigendes Erklärungsmuster kann einer nüchternen Kontrolle oder methodischen Erhebung nur spärlich standhalten. 3.) Frank verkennt bei seinen Schilderungen über den Vormarsch der christlichen Konservativen den amerikanischen Rechtstaat und eine bedeutend verankerten Judikative. Bei allen gesellschaftlichen Skandalen und öffentlichen Auswüchsen fanden mehrfach Gerichtsverfahren mit verfassungsrechtlicher Reinigungskraft in den Vereinigten Staaten statt. Wie auch im Dezember 2005 als ein Richter in Dover, Pennsylvania, darüber entschied, ob neben der Evolutionstheorie von Charles Darwin die sogenannte „Intelligente Schöpfung“ auf den Lehrplan manifestiert werden sollte, so hatte es der örtliche Schulausschuss festlegt. Der Richter, welcher im übrigen von Bush ernannt wurde, verneinte den Versuch der christlichen Fundamentalisten Einfluss zu nehmen und gab den klagenden Eltern Recht. In der Urteilsbegründung des Robenträgers war zu lesen, „nicht reduzierbaren Komplexität“ des Lebens, die auf einen „intelligenten Schöpfer“ deute, sei „unlogisch“. Die Vereinigten Staaten transformieren sich in der Ganzheit bestimmt nicht in die Richtung eines christlichen Gottesstaates.

Etappenweise sind einige Schriftstellen im Buch imaginativ. Sofern zu sehr in die Jugendzeit des Schreibers abgeschweift und so versucht wird dem Leser ein unanfechtbares Weltbild zu lancieren, fehlt der bruchfeste Sockel. Frank bietet jedoch lesenswerte Beobachtungen, wobei die mitteleuropäische Leserschaft gewisse Allegorien ziehen können, und der Schreiber bei den Beanstandungen keineswegs plump vorgeht, obgleich der Autor die öden Mondlandschaften eines allseits beliebten „america bashing“ durchradelt.

 

 

Heiko Nitzschke

 

Thomas Frank

Was ist mit Kansas los? Wie die Konservativen

das Herz von Amerika eroberten

Berlin Verlag 2005

302 Seiten