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März 2006

Der nahe und ferne Feind
Göttinger warten zu den besten Zeiten in der City beim Dönershop Efes, um mit einem gefüllten Fladenbrot ihren Appetit fix zu stillen. Iraner, Libanesen und Türken bleiben hinter der Dönertheke friedlich stehen, wenn sie mit einem Shalom gegrüßt werden, greifen keineswegs zum Dönermesser. Servieren den bestellten schwarzen Tee zum Preis eines halben Euros, frisch im Samowar aufgebrüht, mit einem freundlichen und ehrlichen Schmunzeln. Ferner verdient ein säkularer Moslem den Lebensunterhalt für seine Frau und seinen kleinen Sohn mit mühsamer Verarbeitung von Schweinefleisch beim Göttinger Betrieb Wulff. Dagegen wirken die aufpeitschenden Proteste und aufflammenden Gewaltausbrüche mancher Moslems Anfang Februar, entzündet durch Karikaturen des Propheten Mohammed im konservativen Blatt und Dänemarks auflagenstärksten Tageszeitung Jyllands Posten, gegenüber europäischen Botschaften und Kulturstätten im Nahen Osten etwas ex abrupto. Es öffnet eine bequeme und perfekte Denkschablone für den gefürchteten Kampf der Kulturen. Im Zuge solcher Nachrichten geraten geschwind Moslems pauschal unter einen Generalverdacht. Der Aufmacher der Bildzeitung hetzte immanent im selben Monat gegen alle politisch verfolgten Asylanten in der Bundesrepublik Deutschland.
Die Attacken vom 11.September 2001 mit profanen Passagierflugzeugen an der amerikanischen Ostküste mit über 4000 Toten Zivilisten, die Bombenanschläge an vier Vorortzüge in Madrid am 11. März 2004 mit 191 Toten und den U-Bahn- und Busbomben vom 7. Juli 2005 in London mit 56 Toten, von einer Minderheit mit Präzision organisiert und konsequenten Tötungswillen bewerkstelligt, bringen komplette Bevölkerungsteile moslemischen Glaubens in Verruf und Misskredit. Es offenbart sich ein mannigfaltiges Spektrum unter dem der islamistische Kulturkreis, die Koexistenz der Religionen und die Ausrichtung der multi- und bilateralen Politik der Nationalstaaten hier und dort begriffen und taxiert werden sollte. Um Mosaikmuster dieses moslemischen Kaleidoskops unverfälschter zu durchblicken, sollte das 281seitenumspannende Sachbuch von Guido Steinberg mit dem Titel „Der nahe und ferne Feind - die Netzwerke des islamischen Terrorismus“ herangezogen werden. Aufgedruckt sind keine toten Buchstabenreihen, im Gegenteil restlos spannend zu lesen und zu blättern. Keineswegs zu Lasten der Seriosität, untersucht der Schreiber kenntnisreich Motive, Ursachen und Triebfedern aktueller Konfliktherde in Ländern des Orients. Anmerkungen zu einzelnen Textpassagen, Glossar arabischer Begriffe, Abkürzungsverzeichnis, zugleich ein knapper Literaturkatalog, eine chronologische Auflistung diverser Anschläge islamistischer Terroristen seit 1974 und abschließend ein Namens- und Sachregister vervollständigen den konzeptionellen Ansatz, lassen quasi den Buchwert gradatim ansteigen.
Strukturiert in fünf Kapiteln mit jeweiligen Unterpunkten widmet sich der habilitierte Islamwissenschaftler, Jahrgang 1968, anfangs dem Begriff des islamitischen Terrorismus. Steinberg möchte eine feine Trennlinie bei Zielen und Motivation der ungleich motivierten Gruppen anordnen. Organisationen, die in der Historie die Entkolonialisierung in vielen Staaten gestützt haben und ein ausgeprägtes Befreiungsverständnis aufzeigten, wurden innerhalb der internationalen Gemeinschaft stigmatisiert. Der Begriff Terrorismus dient Regierungen zur Diskriminierung nichtstaatlicher Gegner, jegliche Legitimation wird ihnen so abgesprochen. Der Verfasser warnt vor einer Verschmelzung der Begriffe Terrorismus und Islamismus. Zeigt das Beispiel des türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan auf, der im November 2003 dicht nach Anschlägen in Istanbul, die Formulierung „islamischer Terrorismus“ (islamici terör) als abstoßend titulierte. Präferenz findet bei Steinberg die Formulierung „militanter Islamismus“. Beim Chefmanager der Komplotts vom 11. September 2001 Khalid Shaikh Muhammad scheint der Begriff islamistischer Terrorismus treffend.
Des weiteren gibt der Autor eine historische Übersicht über Salafismus und Islamismus. Gegen Kapitelende mit thematischen Bezug zur Gruppierung al-Qa'ida, der Umgrenzung zum konventionellen Terrorismus (ETA oder gar RAF u.a.) und Prägung des „neuen“ Terrorismus mit seinen dezentralen und netzwerkartigen Strukturen zum nächsten Kapitel überleitet. Die Entstehung und Genese von al-Qa'ida, die Auswirkungen internationaler Politik und insbesondere die Terrorkarriere gewisser Schlüsselpersonen ist der Schwerpunkt des 2. Kapitels. Der Autor betont oft, es ginge maßgeblich darum den nahen Feind anzugreifen, was impliziert, proamerikanische Regierungen wie in Saudi Arabien regional zu bekämpfen und erst in zweiter Linie den fernen Feind wie die Vereinigten Staaten von Amerika oder Länder in Europa anzufallen. Bin Laden zitierte oftmals zwei historische Beispiele, wo es gelang durch Terroranschläge amerikanische Armeetruppen zum Rückzug zu bringen und so die Regierungen vor Ort zu schwächen. Ein Bombenattentat, verwirklicht durch die Hizballah 1983, auf ein amerikanisches Armeecamp in Beirut mit insgesamt 241 Toten, woraufhin wenige Monate die amerikanische Regierung die (starke) Truppe abzog. Mehr Beachtung im militanten Umfeld wird den Ereignissen im Oktober 1993 in Somalia beigemessen. Die amerikanische Militäroperation mit dem Namen „Restore Hope“, angelegt humanitäre Hilfe zu leisten und das Bürgerkrieg geplagte Land zu stabilisieren, entwickelte sich zu einem Desaster. Öffentlicher Widerstand im Land wuchs und fand mit der Ermordung eines US-Militärpiloten, der durch die Straßen Mogadischus stundenlang geschleift wurde, zugleich in einer globalisierten Welt medial, filmreif und anrüchig zur Show gestellt, einen affrösen und unerreichten realen Höhepunkt, was letztendlich den Rückzug der US-Armee aus dem afrikanischen Land ankündigte. Derartig politische Reaktionen bewerten militante Moslems als anfechtbare Schwäche. Nun erhoffte sich al-Qa'ida, wo in den oberen Führungsreihen überwiegend Personen aus Saudi Arabien anzutreffen sind, die US-Amerikaner durch spektakuläre Attentate aus ihren saudischen Heimatland und den heiligen Stätten zu vertreiben. Zusätzlich soll so die Herrscherfamilie geschwächt und entmachtet werden: Der islamistische Terrorismus umkreist ein kompliziertes Geflecht zwischen regionaler Verankerung und globaler Orientierung, vorliegend die zentrale These des Verfassers. Die Terroristen betreiben aus ihren Heimatländern exportierte Bürgerkriege auf globaler Ebene. Osama Bin Laden will die Herrscherfamilie in Saudi Arabien stürzen. Der Chefplaner nennt beispielweise Hunderttausende junger Schul- und Universitätsabgänger, die trotz des „märchenhaften“ Ölreichtums des Landes in die Perspektivlosigkeit entlassen werden. Solche sozioökonomischen Probleme werden von militanten Islamisten aufbereitet und spült massig Rekruten in die kampfbereite Organisation. Es bedarf keiner Gehirnwäsche in den Religionsschulen - der kampfbereite Nachwuchs kommt freiwillig. Abu Musab az-Zarquwi konzentriert sich bei seinem Befreiungskampf auf Jordanien und Palästina und der weniger fassbare heilige Krieg gegenüber die Vereinigten Staaten von Amerika, den politischen Repräsentanten Bush jr. und dem Westen (der ferne Feind) vereint die Kämpfenden. Deutlich wurde dies ebenso im momentanen Entführungsfall der beiden Ingenieure Bräunlich und Nitzschke im Irak, als der Außenminister Steinmeier auf offiziellen Staatbesuch in Israel war, veröffentlichen die Geiselnehmer ein zweites Bilddokument und brachten die deutsche Regierung mit ihren Forderungen und Drohungen nochmals unter Druck. Selbst wenn sich der Außenminister schockiert zeigt, ein solcher Reflex war absehbar.
Mit fundierter Detailtreue dokumentiert der ehemalige Experte des Bundeskanzleramtes im dritten Kapitel die Epizentren des islamitischen Terrorismus in Ländern wie Ägypten, Jordanien, Saudi-Arabien, Jemen und Algerien. Orientieren tut sich der Verfasser an Originalquellen. So gelingt es unverbrauchbare und neuwertige Einblicke zu offenbaren, die ein Nebenbeilesen des Buches mit einer Pulle Bier in der Hand erschweren. Mit gleicher Fachkompetenz, fern jeder blinder Panikmache beäugt der Islamwissenschaftler im vierten Kapitel die islamistischen Terroristen im Irak. Nüchtern analysiert der Autor, „das wichtigste Schlachtfeld der islamistischen Militanten ist seit 2003 der Irak geworden. Mit dem Irak-Krieg ist der islamistische Terrorismus zunächst einmal wieder in diejenigen Region zurückgekehrt, aus der er stammt und die Länder des arabischen Ostens sind erneut die wichtigsten Aktionsgebiete geworden“. Im abschließenden fünften Kapitel resümiert der Fachmann knapp und wagt vage nuancierte Ausblicke zur Besserung der Lebensgrundlage der breiten Bevölkerung. Nennt Anhaltspunkte bezüglich sozioökonomischen, -politischen und -kulturellen Problemstellungen, wie beispielweise Entwicklungszusammenar-beit gekoppelt an christlicher Missionierung.
Guido Steinberg und der Münchner Verlag C.H. Beck brachten für wissbegierige und akademische Fachkreise mit Der nahe und der ferne Feind ein gewinnbringendes und gäbiges Buch auf den Markt. Verknotet akribisch, informativ und zugleich spannungsreich Grundgedanken zum militanten Islamismus und der Organisation al-Qa'ida. Alleine eine hundsmiserable Seitenleimung der ersten Auflage bzw. der vorliegenden Ausgabe trübt die Lektüre. Bei einen realen Preis von 19.90€ wirkt dies unangemessen und unterdurchschnittlich.
Guido Steinberg
Der nahe und der ferne Feind-
Das Netzwerk des islamistischen Terrorismus
281 Seiten
1990€
November 2005
Beck-Verlag
Heiko Nitzschke 
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