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Februar 2006

Das Bioenergiedorf Jühnde und der Atomstreit
Wie unsere Region eine Vorbildfunktion übernehmen kann
Anfang des Jahres entbrannte ein heftiger Streit um die Frage nach der Abschaltung der in Deutschland bestehenden Atomkraftwerke. Und das, obwohl im Koalitionsvertrag zwischen SPD und Union vereinbart wurde, dass am Atomausstieg trotz konträrer Positionen nicht gerüttelt werde. Auslöser für die Debatte war der Streit zwischen der Ukraine und Russland um ausstehende Zahlungen für von Russland an die Ukraine geliefertes Gas. Der russische Gaskonzern Gasprom warf den Ukrainern vor, illegal Gas aus den Pipelines abgezweigt zu haben und verlangte zusätzlich einen erhöhten Gaspreis für zukünftige Lieferungen an die Ukraine. Da sich die Ukraine zunächst weigerte, die angeblich ausstehenden Forderungen zu begleichen und nicht bereit war, den deutlich höheren, neuen Gaspreis anzunehmen, stoppte Gasprom die Erdgaslieferungen an die Ukraine für einige Tage. Dieses führte auch zu einer Beeinträchtigung der russischen Gaslieferungen an Deutschland, Österreich, Polen und Ungarn. Schließlich einigten sich Russland und die Ukraine auf einen neuen Gaspreis und die Gaslieferungen wurden fortgesetzt.
Kernpunkt für die Debatten um die Laufzeit der deutschen Atommeiler war daraufhin der Aspekt Energiesicherheit, da durch den russisch-ukrainischen Gasstreit auf deutliche Weise die Abhängigkeit der deutschen Energieversorgung von Importen erkennbar wurde. 36 Prozent der deutschen Gasimporte stammen aus Russland. Aber auch die Strompreise auf dem Energiemarkt rückten, wohl in Anbetracht der Preiserhöhung des russischen Gas an die Ukraine, in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Für führende Unionspolitiker war sofort klar, dass eine Sicherung der deutschen Energieversorgung und eine Senkung der Energiepreise in Deutschland nur mit Hilfe einer Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke möglich wären. Konsequent und folgerichtig wiesen SPD Politiker, allen voran der Umweltminister Gabriel, die Unionsvorstöße als falsch und energiepolitisch unsinnig zurück. Erstens ist der Betrieb von Atomkraftwerken genauso auf den Import von Uran angewiesen, wie die Gaswirtschaft auf den Import von Gas, zweitens liegt der Grund für hohe Energiepreise nicht daran, dass zukünftig alte und unrentable Atomkraftwerke vom Netz genommen werden, sondern eher an einer unflexiblen Kartellisierung der deutschen Stromwirtschaft.
Dennoch war der Kern der Debatte, nämlich die zukünftige Energieversorgung und Energiesicherheit in Deutschland nicht falsch. Falsch war nur der Rückgriff auf das Alte, den Atomstrom. Richtig dagegen wäre es gewesen, sich auf Alternativen der regenerativen Energie zu fokussieren und diese in einer langfristigen Perspektive als Zukunft des deutschen Energiemix auszurufen. Ein Beispiel dafür, wie spezifische, an eine bestimmte Situation in Deutschland angepasste und nachhaltige Energielösungen aussehen können, ist das Bioenergiedorf Jühnde.
1998 initiierte das Interdisziplinäre Zentrum für nachhaltige Entwicklung (IZNE) der Universität Göttingen in Zusammenarbeit mit den Universitäten Kassel und Witzenhausen ein Projekt, dessen Ziel es war, ein Dorf in der Region um Göttingen mit einer auf Biomasse basierenden Strom- und Energieversorgung zu versehen. Nach einigen Test- und Vorlaufphasen wurde das 20 km südwestlich von Göttingen gelegene Dorf Jühnde als geeignet für die Ausführung des geplanten Projektes ausgewählt. Die Einbindung der Dorfbewohner in die aktive Planung, Gestaltung und Durchführung des anspruchsvollen Projektes führte dazu, dass sich 70% der Einwohner für einen Anschluss an das neue Energie- und Wärmeversorgungssystem entschieden. Im September 2005 wurde der Bau der notwendigen Anlagen abgeschlossen und die Versorgung mit selbst produziertem Strom und Wärme aufgenommen. Dafür sorgen ein Blockheizkraftwerk, welches mit Holzhackschnitzeln befeuert wird, eine Biogasanlage und eine ölgefeuerte Heizkesselanlage, welche aber nur zu Zeiten extremer Spitzenlastzeiten im Notfall eingesetzt werden wird.
Das Besondere an dieser Form lokaler Energiegewinnung auf der Basis nachwachsender Rohstoffe ist nicht nur, dass in Jühnde pro Einwohner etwa 60 Prozent der CO2-Emissionen eingespart werden und damit die Ziele des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung „Globale Umweltveränderungen“ für das Jahr 2050 schon 2006 erreicht werden, sondern auch, dass sie wirtschaftlich tragfähig ist. Dieses gilt besonders in Anbetracht der Teuerung fossiler Brennstoffe, da die Preise für den Strom und die Wärme der gesamten, in Form einer Betreibergesellschaft organisierten Anlage auf Basis des Heizölpreises von 2002 gerechnet wurden. Zusätzlich bietet die Anlage einen finanziellen Verdienst für die Landwirte des Dorfes, da diese für die Versorgung der Biogasanlage mit Energiepflanzensilage zuständig sind und auf Basis des Preises für Winterweizen entlohnt werden. Das ganz nebenbei der soziale Zusammenhalt und die nachbarschaftliche Zusammenarbeit durch die zunächst projektartige Eingebundenheit der Dorfbewohner, und nun durch die Eingebundenheit in den Betrieb und die genossenschaftliche Betreibergesellschaft gestärkt wird, ist mehr als nur ein Zufallsprodukt.
Das mutige und ambitionierte Beispiel des Bioenergiedorf Jühnde zeigt, dass regionale und nachhaltige Energie- und Wärmeversorgung in Anbetracht der Probleme und Risiken zentralisierter und globalisierter Energieversorgung unter der Bedingung sich verknappender fossiler Brennstoffe nicht nur eine Möglichkeit, sondern viel mehr ein Muss ist. Und so kann man sich angesichts der so aufwendig und verbissen geführten Debatten um die zukünftige Energiesicherheit Deutschlands nur fragen, warum man wie der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger in die Ferne schweift und sich Finnland, das ein neues Atomkraftwerk baut, als Vorbild vernünftiger Energiepolitik nimmt, wenn das Gute doch so nahe liegt.
Thorsten Hasche
2.2.2006

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