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Dezember 2005 - Weihnachtsausgabe

Es weihnachtet schwer
Wie die Göttinger Universität zu neuen Ufern aufbricht.
Die Weihnachtszeit ist nicht nur eine Zeit der Besinnlichkeit und Ruhe, sondern aufgrund ihrer Nähe zum Jahresende auch eine Zeit in der man das nahezu vergangene Jahr Revue passieren lassen kann, um zu erkennen, was man da zu Silvester mit lautem Krachen in sein wohlverdientes Ende entlässt. Ein besonderes Augenmerk muss man dabei dieses Jahr auf die größte Institution unserer Stadt, die altehrwürdige Georgia-Augusta richten. Zwar ist die Stadt Göttingen mehr als ihre Universität, doch hat die Universität mit ihren 24.000 Studenten und einigen tausend Mitarbeitern einen enormen Einfluss auf die Wirtschaft, Kultur und das Soziale der Stadt. Seit der Verabschiedung des HOK im Jahre 2002 sorgte bisher die Landesregierung in bester Regelmäßigkeit für eine schöne Bescherung. Dieses Jahr verhält es sich allerdings etwas anders.
Am 10.11.2005 ließ der Präsident der Göttinger Universität Kurt von Figura eine regelrechte Bombe platzen und sorgte damit für ein mediales Echo enormen Ausmaßes. Die renommierte Göttinger Politikwissenschaft, so jedenfalls hat man sie vor dem verbalen Kahlschlag des Präsidenten bezeichnet, soll neben den Seminaren für Pädagogik und Sportwissenschaft enorm geschrumpft werden. Ihre jeweiligen Stellen für Professoren und wissenschaftlichen Mittelbau sollen drastisch gesenkt werden. Dieses fand in einer für die Göttinger Universität ungewöhnlich scharfen, geradezu verachtenden Art statt. Laut Figura sollen „Schwachstellen“ „ausgemerzt“ werden. Statt auf kollegiale Kommunikation setzte er auf ein präsidiales Basta, welches auf diese Art und Weise nicht einmal der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder zu Stande gebracht hätte. Die Grundlage für seine Entscheidung, die zwar einen inneruniversitären Dialog nicht ausschließt, aber in ihren Prämissen nicht revidierbar sei, bildete ein von der WKN (Wissenschaftliche Kommission Niedersachsen) verfasstes Gutachten.
Ursachenforschung kann nach einem solchen Ereignis auf verschiedensten Gebieten geführt werden. Es kommt je auf die Perspektive desjenigen an, der sie führt. Die Leitung der Universität selbst sieht diese Kürzungen für gerechtfertigt, um in Zeiten knapper Kassen die notwendige Umstrukturierung der Göttinger Universität voranzutreiben. Durch Konzentration auf die jeweiligen Kernkompetenzen und erkennbar leistungsfähigen Schwerpunkte in Forschung und Lehre soll es gelingen, die Universität fit zu machen für ihre Zukunft in einer globalisierten Wissensgesellschaft. „Clusterbildung“ heißt das Zauberwort nach welchem einzelne Fachbereiche der niedersächsischen Universitäten an einigen Standorten konzentriert werden sollen. Vorbild scheint dabei die berühmte University of California zu sein. Doch bei der Bildung einer vergleichbaren Universität von Niedersachsen, und somit einhergehenden Umverteilung der einzelnen universitären Fachbereiche, spielt das Renomeé anscheinend keine Rolle. Die erste Geige spielen die für einen Naturwissenschafter wie von Figura so aussagekräftigen Zahlen und Fakten. Dass dabei die Engstinterpretation des Gutachtens der WKN durch von Figura nicht von allen mitgetragen wird, findet nur selten ein Echo in den Medien und damit der Öffentlichkeit. Dabei ist es gewiss nicht unerheblich, dass der Generalsekretär der WKN den Aussagen des Präsidenten, dass die Politikwissenschaften in Göttingen aus „nicht vernetzbaren Einzelwissenschaftlern“ bestehen, widerspricht.
Doch auch, wenn man die Interpretation des Gutachten durch von Figura nicht zwingend für notwendig erachtet, so fällt einem zusätzlich auf, dass ein Gutachten allein nicht der Grund sein kann, Fachbereiche kahl zu schlagen, welche in der Vergangenheit und Gegenwart, trotz aller gegenwärtigen Kritik, für das weltweite Ansehen der Göttinger Universität mitgesorgt haben. Die Universität stand bisher für eine vom Humboldtschen Bildungsideal getragene und beflügelte Volluniversität. Internationale Reputation und Anerkennung galt stets der gesamten Georgia-Augusta und nicht nur einigen ihrer Teile. Es wäre zu klären, warum diese Einheit der Bildung und Reputation zugunsten von in die Zukunft verlagerten Haushaltssanierungshoffnungen aufgegeben werden soll und sich ein Präsident offen gegen einen Teil seiner Universität stellt.
Es ist wohl ein mächtiger gesellschaftlicher Trend, der auch vor einer alten Institution wie der Göttinger Universität nicht halt macht. Vielleicht ist es sogar das Alter ihrer Organisations- und Verwaltungsstrukturen und die Tatsache von in der Vergangenheit nicht angegangenen Reformen, die die Universität nun mit aller Macht spüren lässt, dass sich die Ansprüche, die von Außen an sie herangetragen werden, enorm verändert haben. Es ist nicht mehr der ehemals gutbürgerliche Bildungskanon, dem die Universität als übergeordnetes Leistungsziel verpflichtet ist. Besonders die Geistes- und Sozialwissenschaften haben es schwer, sich in einem Zeitalter von Globalisierung, welches zu einem weltweiten Konkurrenzkampf von Universitäten um Anerkennung, Drittmittel, Professoren und Studenten führt, durchzusetzen und gegen die eigene Redundanz anzukämpfen. Gegenwärtig sind es die boomenden Naturwissenschaften wie Genforschung, Hirnforschung und Bionik, die den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht nur gesellschaftliches Prestige und Kapital abringen, sondern auch ihre ehemalige Deutungshoheit über die grundlegenden gesellschaftlichen Fragen.
Solchen Trends könnte eine Universitätsleitung mit Geschlossenheit und gemeinsamer Stärke entgegengehen. Interne Grabenkämpfe sind dagegen beileibe das schlechteste Mittel, verpufft so doch dringend an anderen Fronten benötigte Energie. So kann das Verhalten von Universitätspräsident Figura als äußerst ungeschickt bezeichnet werden. Nicht, weil er seine Augen gegenüber einer sehr wohl veränderten universitären Umwelt geöffnet hat und versucht die Universität über Reformen dieser Umwelt anzupassen. Sondern, weil er seine Reformpläne auf eine unsagbare Art präsidialer Von-oben-herab-Rhetorik durchgepeitscht sehen will und sich damit nicht an grundlegende demokratische Spielregeln hält.
Die schöne Bescherung für die Göttinger Studenten liegt somit nicht darin, dass sich etwas verändert. Es wäre falsch, Studenten als Besitzstandwahrer zu bezeichnen, die sich notwendigen Strukturmaßnahmen verweigern. Proteste richten sich gegen die Art des Vorgehens. Es die Musik die den Ton macht. In diesem Winter waren es lauter Disharmonien, ja ganze Kakophonien, deren zukünftiger Nutzen und Zweck bezweifelt werden darf. Zu nebelhaft sind die öffentlichen Stellungnahmen des Präsidiums. Die Reaktionen in der Presse sind zu vielfältig, als dass man sagen könnte: „Ja, stimmt. So ist es.“ Von Seiten der Jusos bliebe festzuhalten, dass eine große Chance verpasst worden ist. Es hätte ein längst überfälliger Modernisierungsprozess der Universität eingeleitet werden können, der sich allen vorhandenen Energien eines so ideenhaltigen Ortes bedient und über einen Wettkampf der Ideen nach Lösungen sucht, der die Universität in ihrem Ganzen für die Zukunft fit gemacht hätte. Jetzt, am Ende des Jahres, steht man als Beobachter vor einem Scherbenhaufen und es werden wohl noch einige Monate des Zusammenkehrens vergehen, bis konkrete Schritte eingeleitet werden. Man kann nur hoffen, dass weihnachtliche Besinnung und viele gute Vorsätze für das neue Jahr dazu führen, dass wenigstens die nächsten Reformpläne durchdachter und überlegter kommuniziert und umgesetzt werden.
Thorsten Hasche

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