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Dezember 2005 - Weihnachtsausgabe

Weihnachten aus einer anderen Perspektive
Beschmückt mit Weihnachtsdekoration blinkt die Göttinger Innenstadt im Dezember 2005 facettenreich. Die Weihnachtsfeiertage werden in den mehrheitlich abendländisch geprägten Ländern zu den bedeutungsvollsten Feiertagen gezählt. Traditionell treffen Familienmitglieder, Freunde und Bekannte an den Weihnachtsfeiertagen aufeinander, beschenken sich gegenseitig und essen ausgiebig. Die oft zu beobachtende totale Kommerzialisierung und Säkularisierung in diesen Tagen macht die Vorweihnachtszeit angreifbar für Konsumkritik und wirft die Frage nach dem Stellenwert des Festes auf. Die deutsche Bevölkerung wendet nach Umfragen und Schätzungen aktuell pro Person durchschnittlich ca. 350 € (ein Rückgang um 38% zum Vorjahr) für Weihnachtseinkäufe auf, unsere europäischen Anrainer wie zum Beispiel die Iren 1270 € und die Engländer 1223 €. Eine feste wirtschaftliche Größe für die Binnennachfrage, so bewertet der Einzelhandel das Weihnachtsgeschäft mit einem emporragenden Stellenwert und wirbt bereits offensiv im Frühherbst mit weihnachtlichen Symbolen.
Dessen ungeachtet: Was macht der Bevölkerungsteil, der u.a. nach Abzug der Miete, Grundnahrungsmittel und Medikamente möglicherweise nur 350 € oder weniger für einen vollen Monat zum Leben übrig hat? Weihnachten und Armut - geht das zusammen in der heutigen Konsumgesellschaft? Eine allgemeingültige Definition des Begriffs Armut vorzubringen kann schon an der Mannigfaltigkeit des Wortes scheitern. Das Beschreiben und Untersuchen von gesellschaftlichen Ungleichheiten erfolgte anhand unterschiedlicher Methoden und Messgrößen. Zwar grenzt die Weltgesundheitsorganisation, kurz WHO, Armut über das Einkommen ab: Personen, die monatlich über weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Landeseinkommen verfügen, werden laut WHO als „pover“ bezeichnet. In der Bundesrepublik Deutschland zählen somit Menschen in diese Kategorie, die etwas 600 € für 30 Tage zur Verfügung haben. Innerhalb der theoretischen Ansätze kristallisieren sich neben ökonomischen Konzepten, die Armut als Mangelversorgung mit materiellen Gütern und Dienstleistungen verstehen, gleichwohl Konzepte mit einem soziokulturellen Ansatz heraus, die nichtmaterielle Bedürfnisse einbeziehen, wie zum Beispiel Defizite bei chancenreicher Bildung und einer zuträglichen Altersvorsorge.
Der ehemalige Präsident der Weltbank Robert McNemara verfestigte den Begriff der absoluten Armut, um die Problemstellungen in Entwicklungsstaaten besser aufzugreifen. „Armut auf absolutem Niveau ist Leben am äußersten Rand der Existenz. Die absolut Armen sind Menschen, die unter schlimmen Entbehrungen und in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung um das Überleben kämpfen, der unsere durch intellektuelle Phantasie und privilegierte Verhältnisse geprägte Vorstellungskraft übersteigt“. Selbst in der Wohlstandsgesellschaft manifestiert sich absolute Armut, etwa bei Suchtkranken, Obdachlosen oder Personen, die außerhalb staatlicher Sicherungssysteme bestehen sollen. In der Vergangenheit wurde gerne in einem solchen Kontext der nordamerikanische Erzähler John Steinbeck als Quelle zitiert, um Eckpfeiler der Armut in Industriestaaten aufzuzeigen. Augenblicklich reicht ein Ausflug in die Werke vom britischen Autor Irvine Welsh.
Bei der relativen Armut wird eine Messung an den realen Gesellschaftsverhältnissen auf das Individuum zugrunde gelegt. Der Mangel an immateriellen und materiellen Gütern von Menschen im Verhältnis gesetzt zum Wohlstand der jeweiligen Gesellschaft wird als Indikator hinzugezogen. Folglich entspricht die relative Armut einer gewissen Objektivität, autonom davon, ob die Betroffenen, die momentane Lebenssituation als mittellos empfinden. Der 2. Armuts- und Reichtumsbericht, der von der rot-grünen Bundesregierung im März 2005 vorgelegt wurde, attestiert nach Zahlen ein Anwachsen der Armut in der Bundesrepublik: 1998 bezifferte sich der arme Bevölkerungsanteil auf 12,1%, im Jahr 2002 bereits 12,7% und 2003 stieg die Quote auf 13,5%. Über ein Drittel beschränkt sich auf alleinerziehende Elternteile und deren Kinder. Paare mit mehr als drei Kindern, die als arm eingestuft werden können, kommen auf eine Anteil von satten 19%. Diese Zahlenwerte sind vergleichsweise niedrig, andere Literaturquellen, Untersuchungen und Fachstudien kommen durchaus auf höhere Werten (vergl.: Kösters).
Um Kindern aus einkommensschwachen Familien eine angenehme Vorweihnachtszeit vor Ort anzubieten, organisiert das Kinder- und Jugendhaus der Arbeiterwohlfahrt in Göttingen regelmäßig ein Weihnachtsfest. Das Holzhaus am Lönsweg konnte sich seit seinem Aufbau 1987 beständig im Stadtbezirk etablieren und wird verstärkend von der Bevölkerung positiv angenommen. Einen essentiellen Anteil hierfür leisten die Leiterin des Hauses Evelin Haase und ihre Arbeitsgruppe. Auf Stadtteilebene soll substantiell zur Verbesserung der Lebenssituation armer Heranwachsender beigetragen werden. Was oftmals in der Theorie lautstark und folgerichtig verlangt wird, wie Treffpunkte für besonders Betroffene, Angebot an außerhäuslicher Kinderbetreuung (Kindergrippen, Kindertagesstätten, Eltern- Kind- Initiative), zielgenaueres Wirken, Vernetzung und Verlagerung von Kompetenzen auf Vor-Ort-Einrichtungen und die Förderung von Selbsthilfe und Selbstorganisation (vergl.: Schmidt-Urban), fruchten im Lönsweg. Typische Begleiterscheinungen von Armut sind den Angestellten keineswegs fremd und erleichtern in keinster Weise ihre Arbeit.
Für die Weihnachtsfeier am 9. Dezember 2005 war es notwendig zusätzliche Geldgeber und Sponsoren anzusprechen und diese vom Sinn und der Notwendigkeit der Arbeit zu überzeugen. Über die Bäckerei Thiele, das Backhaus, den Verein für Jugendfragen, dem Feinkostladen Le Papillon, das Fruchthaus Schwieger bis zur Göttinger Tafel und dem Frauen Lionsclub beteiligten sich die Betriebe und Vereine an der Feier für die ca. 25 Kinder und den zum Teil mitgebrachten Familienangehörigen. Herzhaft bedankten sich die Kinder bei der Geschenkübergabe beim Weihnachtsmann aus freien Stücken. Wer nun meint, die Kinder waren alleine gekommen, um vom Weihnachtsmann die Geschenke einzukassieren und gratis Kaffee und Kuchen zu konsumieren, Hoppla, der täuscht sich gewaltig, denn mit Enthusiasmus trugen die kleinen Stadtteilbewohner eine Theateraufführung, Kinderreime und Lieder vor. Katarina Lankeit als Vertreterin der Stadt Göttingen besuchte das Weihnachtsfest und war von der Darbietung ergriffen. Vermutlich wird den Kindern dieser Spätnachmittag länger in Erinnerung bleiben als ein fader Kinobesuch im Dezember mit einem XXL-Becher Cola und einer Familienpackung Popcorn.
Heiko Nitzschke
Göttingen den 12. Dez 2005
Literatur:
Andreas Molitor: Leben und Überleben in Benchill/ Zeitdossier vom 23. Mai 2001
Winfried Kösters: Politik für die nächste Generation: Kinder, Jugend- und Familienpolitik in Deutschland
Walter Krämer: Armut in der Bundesrepublik- Zur Theorie eines überforderten Begriffs
Klaus-Peter Schmidt: Nur die Reichen werden reicher/ Die
Zeit 34/2004
Petra Schmidt-Urban: Kommunale Armutspolitik
John Steinbeck: Von Mäusen und Menschen & Jenseits von Eden
Irvine Welsh: Trainspotting & Porno

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