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Dezember 2005 - Weihnachtsausgabe

Reinhard K. Sprenger- Der dressierte Bürger
Wird den Aussagen des Campus- Verlags und diversen Kritikern Glauben geschenkt, so handelt es sich bei Sprenger, um einen anerkannten Autor, der bereits diverse Buchklassiker auf den Markt gebracht hat und ferner zu einer profilierten Koryphäe in Personalfragen gezählt werden kann. Der freie Vortragsredner, Trainer und Berater durfte für nahezu alle großen DAX Unternehmen tätig sein. Das gilt anscheinend Anfang des 21. Jahrhundert als ultimative Qualitätsnorm für ein gutes Buch.
Nebulös schimmern auf den 196 Seiten aktuelle Aufgaben unserer Gesellschaft durch: 1.) Demographischer Wandel, 2.) Globalisierung bzw. Europäisierung, 3.) Hedonismus, 4.) Bürokratisierung, 5.) Technischer Fortschritt und 6.) Fortlaufende Staatsüberschuldung. Oftmals werden die Textpassagen mit persönlichen Sichtweisen des Philosophiedoktors durchsiebt. Das oftmals zitierte Absinken ins Mittelfeld oder wie Sprenger es nennt, Abstieg beim länderspezifischen Vergleich in die zweite und in einigen Bereichen winkt die dritte Liga, steht nahezu analog hinter jedem Absatz.
Der Übeltäter für den ökonomischen Absturz Deutschlands ist fix ausgemacht: Die Bevormundung der Bürger durch einen prohibitiven Staat und die darin begründete Lethargie in breiten Teilen der Bevölkerung. Die Definition des Autors vom Staat bleibt konturlos, „benutzte den Begriff Staat im weitesten Sinne, als letztendlich unauflösliche Melange von Politik, Bürokratie, Ausschüssen, Verbänden, Lobbyisten, Parteien und informellen Netzwerken“, registriert er. Sprenger macht sich keine Mühe beim Aufzählen der zahllosen Negativbeispiele zu unterscheiden zwischen kommunaler, länder und bundesweiter Ebene, keine Abgrenzung zwischen Verwaltung und gewählten Volksvertretern, keine Trennung von Judikative, Exekutive und Legislative. Wie es scheint betrachtete Sprenger das Verfassen des vorliegenden Buches als eigenes Wunschkonzert oder allein als Zusammenstellung eines Katalogs, was den Autor jenseits der Fahrspur eines externen politischen Ratgebers manövriert.
Im Anschluss eines Beispieles über die Privatisierung von Kindergärten bringt der Autor seine Kritik bezüglich einer staatlichen Regelungsdichte vor. Quasi heldenhaftes unternehmerisches Handeln im Kampf gegen die Bürokratie, anstatt Kampf um (zahlungskräftige) Kunden. Kein Gedankenansatz wird über den Sinn von Schutzrichtlinien aufgebracht oder den Einfluss von hinreichend ausgebildeten Personal. Richtlinien beschränken Unternehmer, bleibt die magere Quintessenz, die der Verfasser in Manier schriller Klingeltonwerbung beständig von sich gibt.
Weitläufig sollen lukrative und liquide Käuferschichten für das Buch umworben werden, die im Sprenger-Biotop Wochenendseminar Preise im vierstelligen Euro-Bereich aus eigenem Antrieb zahlen. Sich denken, man ist bestens ausgerüstet auf der Suche nach dem Glück, mit den besten Spezialisten und man nimmt gern alles mit, was irgendwie nach Spaß riecht und das große Los verspricht, um ihren individuellen Motivationskick eingeschoben zu bekommen. Wenn nebenbei noch Bücher an fehlgeleitete „Ich-AG Diven bzw. Prinzen“ vertrieben werden, besser für die Verkaufsstatistiken.
Die Finanzlage des Staates erneut ins ökonomische Gleichgewicht zu bringen, gab Bundespräsident Horst Köhler als Begründung für die Auflösung des Bundestags vor, denn hierfür ist eine verlässliche und handlungsfähige Mehrheit im Bundestag erforderlich. „Die Haushalte des Bundes und der Länder sind in einer nie dagewesenen Lage“, hieß es in der Erklärung für die vorgezogene Bundestagswahl zum 18. September 2005.
Auch Sprenger beunruhigt zunehmend die verdorrte Haushaltsbilanz, der Schuldenstand des Bundes und die jährlichen Zinsausgaben. Verwebt es mit seinen grobkörnigen Ausführungen zum Sozialstaat und konstatiert weiter, der Wohlfahrtsgedanke kann in keinster Weise finanziert werden. Vielmehr behindert der Staat durch Unterstützung die Eigeninitiative und Selbstständigkeit seiner Bürger. Der Staat rechtfertigt erst durch die soziale Unterstützung seine Existenz, so der Bestsellerautor. Deregulierung, Wettbewerb, Privatisierung mittlerweile kann es jeder denkfaule Papagei berauschend pfeifen. „Kürzen“ auf dieses flatterhafte Stichwort lassen sich die faden und einfallslosen Lösungsansätze der Arbeitgeberverbände reduzieren. Gedanken, die in eine Richtung gehen, dass Freiheit im wirklichen Handeln und nach autonomen Lebensgrundsätzen erst realisierbar wird, wenn jeder Bürger ein Grundrecht auf die sozialen Güter erhält, die freies Handeln erst ermöglichen, blendet „der dressierte Bürger“ aus. Einen enormen Eintrittspreis fordert Sprenger letztlich für die Vorstellung einer libertären Fata Morgana.
Heiko Nitzschke
Reinhard K. Sprenger
Der dressierte Bürger
196 Seiten (inkl. Literaturangaben)
Campus-Verlag GmbH, Frankfurt am Main
1.Auflage 2005

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