Dezember 2005 - Weihnachtsausgabe

Der Hüttenstaat - ein Artikel aus dem Neon-Magazin
Deutschland nach der Wahl: Keine klaren Mehrheiten, zunächst wochenlanges Chaos im Bundestag. Da fängt man doch wirklich an, an der guten alten Demokratie zu zweifeln, sollte sie doch immer noch der einzig richtige Weg sein?
Genau dieser Frage haben sich einige junge Reporter von dem Magazin „Neon“ mal gestellt. Für uns testeten sie 5 unterschiedliche Staatsformen, dies aber nicht irgendwo, sondern auf einer abgelegenen Berghütte, völlig abgeschnitten von der Außenwelt.
1. Tag Oligarchie
Bei dieser Staatsform herrscht eine kleine Anzahl von Leuten über die Masse der Bevölkerung. Drei der Journalisten werden als „Herrscher“ auserkoren. Sie nehmen ihr Amt sehr ernst und regieren mit harter Hand. Selbst vor Bestrafungen (z.B. in Form vom Baden im kalten Brunnen) wird nicht zurückgeschreckt. Auch wenn die „Herrscher“ (Oligarchen) dabei ihren Spaß haben, das „Volk“ hat definitiv keinen und verbarrikadiert sich daraufhin in der gemeinsamen Hütte. Erst nach zähen Verhandlungen erklären sie sich dazu bereit die Hütte wieder frei zu geben, im Gegenzug erhalten sie besseres Essen sowie etwas mehr Freizeit. Trotz alledem ist keiner so richtig wehmütig gestimmt, als die Sonne untergeht und damit dieser Regierungsperiode ein Ende setzt.
2. Tag Kommunismus
Ab jetzt gehört alles allen und jeder ist nicht mehr aber auch nicht weniger als ein Teil des Ganzen. Zunächst scheint der Tag ganz harmonisch zu starten, die Hütte wird in Rekordzeit auf Vordermann gebracht und genug Holz wird gesägt. Doch mit der Einheit folgen auch die Probleme. Ab jetzt sollen die einzelnen nicht mehr ihre normalen Namen, sondern Nummern tragen. Werden die Nummern nicht benutzt folgt Bestrafung, denn jeder ist nicht nur Bauer, Dichter und Denker, sondern auch Polizist, genauer gesagt Denunziant. Da hilft auch ein gemeinsamer Spaziergang nicht mehr so viel. Am Ende kehrt man in ein Gasthaus ein und wirft alle guten Vorsätze nur von Eigenprodukten des Kommunismus zu leben über Bord.
3. Tag Diktatur
Mit der Herrschaft eines Einzelnen beginnt dieser Tag früher als geplant. Da die Diktatorin nicht schlafen kann, müssen alle leiden und sich um halb fünf morgens vor der Hütte aufstellen und singen. Doch der Tag wird nicht besser, der Diktatorin müssen alle Wünsche erfüllt werden und begeht jemand dabei einen Fehler, heißt es: Kollektivstrafe!
Als die Diktatorin dann jedoch gegen Abend die Hütte für sich alleine beanspruchen will, wird sie kurzerhand vom Volk gestürzt.
4. Tag Kapitalismus und Demokratie
Jetzt endlich kommt ein uns allen bekanntes System zum Zuge. Zunächst werden alle Güter bzw. Dienstleistungen verteilt, darunter fallen auch der Herd, das Klo und das Bettenlager. Mit Tauschgeschäften halten sich die meisten einigermaßen über Wasser und bis zum Mittag haben alle ein warmes Essen vor sich stehen. Trotzdem treten die Arbeiter in den Streik, da sie sich ausgebeutet fühlen. Sie können im Tausch schließlich nur ihre Körperkraft anbieten. Aus diesem Grund wird eine Hüttentagspräsidentin gewählt sowie eine Fraktionsgemeinschaft gegründet. Dank dieser Maßnahmen kann ein Mindestlohn und ein Beamtenwesen eingeführt werden. Da die Hüttenrepublik aber keinerlei Einnahmen hat und sich vollständig aus Schulden finanzieren muss, kommt sie bald zum Erliegen.
5. und letzter Tag Anarchie
Die Anarchie, jedem gehört alles, jeder darf alles. Hört sich doch erst mal verlockend an, oder? Tja, das finden zunächst auch die Reporter aber nicht sehr lange. Denn schon gleich am Morgen verstecken zwei Mitglieder der Gruppe das gesamte Essen und während die anderen zunächst noch versuchen sie mit sanften Methoden davon zu überzeugen das Essen wieder raus zu geben, steigt mit dem Hunger auch die Gewaltbereitschaft der restlichen Gruppe.....
Fazit:
Insgesamt stießen Diktatur und Anarchie bei allen auf Ablehnung. Die Oligarchie gefiel nur den Oligarchen und auch vom Kommunismus schien keiner so recht begeistert. Übrig blieb nur die Demokratie in der wir uns glücklich schätzen sollten leben zu dürfen, mag sie manchmal etwas kompliziert und langsam sein.
Auch wenn sich die Idee das ganze in einer Hütte auszuprobieren etwas seltsam anhört: Ich fand das Projekt lustig und offenbarend. Was schon in einer Hütte nicht funktioniert wird sicherlich auch in einem richtigen Staat nicht so leicht funktionieren können. Somit gibt „Neon“ mit einer pfiffigen Idee einen guten Einblick in die verschiedenen Regierungsformen und Systeme.
Auch bietet das Magazin meiner Meinung nach eine gute Mischung zwischen politischen Themen, (Auslands-) Reportagen, aber auch Dingen wie Modetrends.
Mona Klatt
Mehr Infos über Neon gibt es auf der Homepage des Magazins www.neon.stern.de 
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