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Dezember 2005 - Weihnachtsausgabe


Linker Sonderling

 

Anlässlich des Göttinger Literaturherbstes präsentierte sich der ehemalige Vorsitzende der SPD, Oskar Lafontaine, mit seinem neuen Buch "Politik für alle" im Deutschen Theater. Viele Lafontaine-Freunde, PDS-Mitglieder und Literatur-Interessierte kamen zusammen, um den Worten des großen Meisters und seines Gegenparts auf der Bühne, des SPIEGEL-Autors Olaf Ihlau, zu lauschen. Beide hatten praktischerweise auch das Buch mitgebracht. Ganze vier Sätze wurden letztlich daraus verlesen. Nicht etwa von Oskar, sondern von Olaf Ihlau.

 

Wie ein weit gereister Menschenfreund stellte sich Oskar den knapp 400 BesucherInnen vor. Immer wieder verwies er auf seine Karrierestationen, die er mit Engagement, Freude und Kampfeslust erklommen habe. Im Vergleich zu Herrn Schröder sei seine Karriere (vom Oberbürgermeister Saarbrückens bis zum Kanzlerkandidaten, Finanzminister und Parteivorsitzenden der SPD) stetig und von festen Grundsätzen geprägt, so der heutige Fraktionsvorsitzende der Linkspartei.PDS im Bundestag. Dass die Karriere erst jetzt - fünf Jahre nach seinem Abtritt von Ämtern und Funktionen in der SPD - weitergeht, spielt für seine Eigenbetrachtung keine Rolle. Zwischendurch geleistete Werke wie seine explosiven Bild-Zeitungs-Kommentare und der Bau seiner Privatvilla (man nennt sie im Saarland "Palast der sozialen Gerechtigkeit") zeugen jedoch von Unstetigkeit und Image-Suche. Oder?! Nein, natürlich nicht. Die Karriere war nach Definition à la Lafontaine doch vorher schon zu Ende.

 

Jetzt ist er aber wieder da. Mit einem charmanten Schmunzeln und einem väterlichen Blick am Ende jeder seiner episch langen Stellungnahmen suchte der Altmeister den flirtigen Kontakt zum Publikum. Mir rutschte während seiner Aufführung der Kommentar "Anekdoten-Opa" über die Lippen. Gesucht und geschickt platziert waren die Anspielungen, die kleinen Geschichten und die bubenhafte Pose des alten Mannes, der sich mit Personenschützern, Limousine, Polizei-Eskorte und Staatsschutz-Begleitung in die linke Hochburg begeben hatte. Man hätte ihn für einen Kabarettisten halten können, wenn er nicht in BKA-Begleitung auch viel Wahres erzählt hätte. Zum Beispiel, dass er mit einem Privatjet der "Bild am Sonntag" vom Mallorca-Urlaub nach Deutschland eingeflogen wurde. Vielleicht sollte man lieber "flirtiger Anekdoten-Opa" sagen.

 

Interessant fand ich auch, dass er in mehreren Passagen seines Vortrags auf die inhaltliche Kompetenz seiner Frau Christa Müller verwies. So habe sie eigentlich das den beiden gemeinsam zugerechnete Buch "Keine Angst vor der Globalisierung" allein geschrieben. Hat Oskar vom Kanzlerduell Schröder/Merkel was gelernt? Wir erinnern uns nur allzu gern an den Kanzlersatz "Das ist nicht zuletzt der Grund, warum ich sie liebe", der wie eine Oderflut die Frauenherzen von Alice Schwarzers dunklen Brigaden zurück zu Gerhard Schröder trieb. Vielleicht ist er so nett und hat einfach seinen Namen auf den Buchdeckel schreiben lassen, damit 100.000 Ausgaben mehr verkauft werden? Nein, er ist halt ein Menschenfreund gegenüber seiner Frau, denn verglichen mit dem Zeitpunkt der Veröffentlichung ist mindestens ein Aspekt der Wirtschaftsanalyse nicht mehr haltbar. Parallelen zu anderen Analysen des studierten Physikers? Natürlich keine! Ich weiß, ich bin ungerecht, aber Oskar ist ein selbstgerechter Anekdoten-Onkel.

 

So war es an Olaf Ihlau, einen aktiven Gegenpart zu spielen. Das wurde vom rhetorischen Meister Oskar, der schon jedes Argument entkräften konnte, mit scharfen Spitzen gegen die Mainstream-Presse pariert. Der Verweis auf vertrauliche Gespräche dreckigen Inhalts, bei denen die SPIEGEL-Redaktion ("Sie waren selbst dabei, Herr Ihlau") Einfluss auf die Kanzlerkandidatur 1998 genommen habe, reichte, um den freundlichen Herrn Ihlau wieder 10 wichtige Minuten auf Abstand zu halten.

 

Für den Literaturherbst ein prominenter Name, eine gut besuchte Veranstaltung, einige Momente der Zusammengehörigkeit und ansonsten viele einfache Erklärungen von komplizierten Zusammenhängen. Einen Tag danach trat Müntefering vom SPD-Vorsitz zurück. Opa Lafontaine, die personalisierte soziale Gerechtigkeit, kann sich durch die zertrümmerte Karriere seines Enkels wieder Hoffnungen machen.

 

Martin Koch