Dezember 2005 - Weihnachtsausgabe

Tagebuch einer Gegendemo
Rückblick auf die Nazi-Demo vom 29. Oktober 2005:
Schon lange her, aber nicht vergessen: der Nazi-Aufmarsch in Göttingen am 29. Oktober 2005 und der gewaltige Gegenaufmarsch. Laut Zeitungsberichten sollen insgesamt 5000 Menschen demonstriert und den NPD-Anhängern gezeigt haben, dass sie in Göttingen nicht willkommen sind.
Natürlich waren auch wir Jusos dabei und haben sowohl bei dem friedlichen Demonstrationszug als auch gegen die Kundgebung der NPD am Kreuzbergring ordentlich mitgewirkt.
Gut bestückt mit Schildern auf denen klare und knackige Sprüche standen wie „Nazigrippe ist da, schützt das Geflügel“, „Gib Nazis keine Chance“ , „Nazis sind ranzig“ und „Kein Sex mit Nazis“, machten wir nicht nur die Nazis auf uns aufmerksam, sondern auch die Presse. Es gab Bilder von uns im Göttinger Tageblatt, im Extra Tip und im Internet, aber auch auf N24 und in den Heute-Nachrichten auf ZDF waren wir zu sehen.
Hier ein kleiner Zeitstrahl mit den wichtigsten Aktionen der Jusos zur Nazi-Demo:
25. Oktober 2005: Plakate malen gegen Rechts
Einen Abend haben wir Jusos gebraucht, um unsere fantastischen, großartigen, atemberaubenden [...] Schilder herzustellen. Jeder hatte sofort ein paar knackige Sprüche parat und nach ungefähr vierstündiger Arbeit entstanden unsere fantastischen Schilder, die uns einen Tag lang durch ganz Göttingen begleiten würden.
29. Oktober 2005, 10:00 Uhr: Frühstück gegen Rechts
Erstes Treffen beim Frühstück gegen Rechts. Ein müdes Warten auf das eigentlich spannendere Spektakel: die Ankunft der Nazis und der Beginn der Gegendemo. Mit den fantastischen Schildern in der Hand, warteten wir nun auf unseren Einsatz und die erst später eintreffenden Nazis. Denn die Antifa in Hannover hatte es geschafft den kompletten Zug nach Göttingen zu blockieren, in dem sie alle Tickets gekauft hatten.
29. Oktober, gegen 11:55 Uhr: Demonstrationszug beginnt
Nun ging es endlich los: Voller Elan gingen wir Jusos bei der Gegendemo mit und waren mit unseren fantastischen Schildern ein BIickfang für die Medien, wie wir u.a. abends um 19:00Uhr in den Heute-Nachrichten sehen durften.
29. Oktober, gegen Mittag: Ende der Gegendemo
Nachdem sich wieder alle Gegendemonstranten am Platz der Synagoge versammelt hatten, wir uns nicht allzu interessante Reden und Berichte von der Zusammenarbeit gegen Rechts der Antifa und der Kirche in Frankfurt anhören durften, beschlossen wir Jusos einen kurzen Abstecher in Richtung Ostviertel zu machen. Im zügigen Tempo begann der Marsch bergauf, damit wir wenigstens einmal den Nazis unsere Meinung zeigen und sagen konnten.
Doch dieser Marsch sollte ein nicht allzu einfaches Gelingen werden: Obwohl wir Hürden wie den Schwarzen Block, die Polizei und brennende Barrikaden überwinden mussten, haben wir es am Ende doch geschafft u.a mit der Hilfe der evangelischen Kirche, die uns Wasserflaschen spendierten. Ein großes Dankeschön noch einmal an dieser Stelle.
Gestärkt und durch die Hilfe von Passanten, fanden wir einen Weg den NPD-Anhängern ganz nahe zu kommen. Unser neues Ziel war nun die Kundgebung der Rechten am Kreuzbergring.
Durch eine kurze Unaufmerksamkeit der Polizei haben wir es geschafft den Nazis näher zu kommen und waren nun im Kessel. Wir standen den Nazis fast gegenüber. Leichte oder teils weniger leichte Aggressionen entstanden und auch die Idee einfach einen Stein diesen Herren und Damen an den Kopf zu werfen überkam uns. Die Vernunft siegte jedoch und wir hielten ihnen stattdessen unsere großartigen Schilder entgegen und probierten mit starkem Lärm die Stimme des NPD-Sprechers zu übertönen. Eben Aggressionsbewältigung.
29. Oktober, gegen Nachmittag:
Nach dieser höchst interessanten Begegnung machten wir uns auf den Weg Richtung Güterbahnhof zum Gedenkstein für die Opfer der Naziverfolgung. Doch statt verfolgten Gewerkschaftern und Genossen zu erinnern, wurden wir auf eine private Hauseinfahrt gedrängt zum Ärger des Besitzers (da hatte wohl die Polizei einen Fehler begangen...). Denn nicht damit gerechnet hatten wir, dass die NPD umgeleitet wurde – direkt an uns vorbei.
Die Nazis konnten wir in unserer momentanen Position nicht wirklich sehen und so mussten wir in unserer kleinen Gefangenschaft erst einmal verweilen.
Als die lieben, netten Polizisten uns wieder „freigelassen“ haben, konnten wir dann noch in Richtung Bahnhof, wo schon anscheinend alles vorbei war.
Da ich meine Stimme verloren hatte und schwächelte, machte ich mich auf den Weg nach Hause und habe ,soweit ich weiß, nichts wirklich Spektakuläres mehr verpasst.
Alles in allem eine gelungene Aktion gegen Rechts.
Pia Liepe

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