April 2005

Missverhältnisse im Einzelhandel und ein Buch
Über einschlägige Vertriebswege des Literaturhandels kann das Lidl-Schwarzbuch nur mit etwas Mühe bezogen werden. Nach einer geringen Auflagenstärken von 8.000 Stück Mitte Dezember 2004, die rasch versandt und vergriffen war, verkündete die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, daß eine weitere Auflage von insgesamt 10.000 Exemplaren im neuen Jahr nachgeschoben wird. Die durch niedrige Umlaufzahlen enorme Nachfrage fand noch eine Steigerung in der zündenden Aktualität und das anschwelende Presse-Echo.
Das schmale Büchlein befasst sich auf knapp über 100 Seiten kritisch mit dem Status quo der Personalplanung und -führung des schwäbischen Schwarz-Unternehmens, hierzu zählen Lidl, Kaufpark, Kaufland und Handelshof. Das Verfasserduo Hamann und Giese sprachen innerhalb von fast zwei Jahren bundesweit mit etwa 250 Lidl- Beschäftigten.
Kurz und knapp entwirren die Ver.di-Schreiber in den Anfangskapiteln die fragwürdige Unternehmensstruktur der Schwarz-Gruppe. Es wird die Führungsriege des Discounters umrissen, zugleich ein Rückblick über bereits getätigte Arbeitsverhältnisse und somit geschäftliche Verbindungen geliefert. Primär stehen dennoch Erfahrungsberichte von Lidl-Beschäftigten oder ehemaligen Mitarbeitern im Mittelpunkt. Aushilfskräfte, Kassiererinnen über Filialleiter bis zu höher gestellten Führungskräften wie Bezirksleiter schildern praxisnah, leicht verständlich und gleichwohl unsentimental ihre Erlebnisse. Die Beschäftigungszahlen der Schwarz-Gruppe beziffern sich nach eigenen Angaben in der Bundesrepublik auf 33.000, insgesamt in 19. Ländern rechnet sich die Zahl auf 151.000 Mitarbeiter.
Pikant-mehrheitlich auf allen unternehmerischen Ebenen verlangen die Lidl-Verantwortlichen ein inoffizielles Pensum von unvergüteter Mehrarbeit. Zwar können Angestellte komplette Arbeitszeit angerechnet bekommen, dies hängt eher mit den lokalen Filialleitungen zusammen oder inwiefern sich Verkäufer und Verkäuferinnen für zustehende Vergütungen einsetzen. Noch pikanter- vereinzelt berechneten sich sogar Filialleiter Überstunden der Mitarbeiter. Indikator für interne Bewertungen der Nettoleistung pro Filiale ergibt sich aus den monatlichen Umsatzzahlen, geteilt durch die bezahlten Mitarbeiterstunden, aufgrund solcher betriebsinternen Richtwerte hat die Leitung vor Ort Interesse Lohnkosten massiv zu kippen. Voraussetzungen für festgelegte Pausenregelungen bestehen rudimentär. Dienstpläne werden in kurzen zeitlichen Abständen umgeworfen und anschließend von den Angestellten zum Teil Familienmüttern uneingeschränkte Präsenz verlangt. Bildung und Verfestigung von Betriebsräten behindern die Lidl-Chefs rüde und dilettantisch.
Von Vorteil auf die Lohneinstufung wirkt sich eine zeitlich längere Anstellung aus, somit wird es günstiger für den Lidl-Betrieb altgediente Kräfte zu entfernen. Wie sich solcher Angestellten entledigt wird, bekommt das Leitungspersonal in speziellen Lidl-Seminaren pietätlos vermittelt. Indem wird die Verhinderung von Betriebsräten thematisch behandelt, so berichten ehemalige Lidl-Leute im Ver.di Buch.
Bei Kassiererinnen gern angewandte Methode: Das Durchrollen eines Testwagen. Hier werden Artikel im Einkaufskorb verdeckt platziert. Bei zwei Milchkartons steckt im unteren eine Packung Kaffee oder in einen Werbeprospekt wird ein flacher Artikel eingeschoben. Zugleich haben die Kassiererinnen Vorgaben 40 Produktartikel pro Minute über die Scannerkassen zu wedeln, gleichzeitig den Pfand mit den zum Teil verklebten Flaschenhälsen einzusammeln, sobald sich die Warteschlange beim Bezahlen auf drei Kunden summiert eine weitere Kasse öffnen, Waren in die Regale einzusortieren und gegenüber den Kunden Freundlichkeit aufbringen. Etliche Aufgaben kommen hinzu. Bei chronischer Unterbesetzung im Kassenbereich, obendrein den Druck und den Zielvorgaben der Lidl- Filialleitung ist eine arbeitnehmerfreundliche Lösung, die im Einklang mit unternehmerischen Denken einhergeht, kaum realistisch. Selbst die Financial Times Deutschland beschreibt Lidl als "eines der verschwiegensten Unternehmen der Handelsbranche". Ein Leitartikel (Klusmann/ Schlitt) über Lidl gedruckt 2003 in einem deutschen Wirtschaftsmagazin attestiert Unternehmensgründer Dieter Schwarz zwar innovative Geschäftskonzepte im Bereich Discount, dennoch auch in der Fachpresse werden grobe Geschäftspraktiken angekreidet. Lidl-Einkäufer üben gegenüber Lieferanten brachialen Druck aus. Zulieferer werden bis zur Schmerzgrenze auf Billigniveau geknechtet, andernfalls droht Streichung vom Zuliefererkreis - sprich diese werden am gestreckten Arm ausgehungert. Sonst herrscht eine familiäre Devise und die Unterstützung von finanzschwachen Lieferanten präsentiert der Schwarzbetrieb pressewirksam. Bloße Widersprüche zum Beispiel gegenüber Preisnachlässen werden keineswegs gebilligt. Das aggressive Verhalten der Lidl-Verantwortlichen durchzieht regelrecht die vertikalen und horizontalen Unternehmensstrukturen. Bezirksleiter, oftmals Hochschulabsolventen vom Germanisten bis zum Betriebswirt, werden alle gerne genommen, solange die Vorgaben der Konzernspitze exekutiert werden, überwachen fünf bis acht Filialen, verdienen gut und dürfen über einen Dienstwagen verfügen.
Derartige Arbeitsverhältnisse bekommen durchweg 30-40 Jährige, die die Praktiken des Lidlsystems in unangenehmer Weise intensiv und effektiv aufgesaugt haben. Nur vier Hierarchiestufen trennen Filialleiter von der obersten Führungsriege. Möglichkeiten des beruflichen Lidl-Aufstiegs kristallisieren sich aus solchen Organisationsstrukturen für sehr konzernkonforme Angestellte raus. Hochglanzkarrieren in der Privatwirtschaft buchbar für jeden Erwerbstätigen mit angemessener Leistungsbereitschaft im Sinn des Lidl-Unternehmen.
Klaus Gehring, Vordenker und Komplementär der Handelgruppe Lidl & Schwarz, versucht Anfang Dezember 2004 die entflammten Vorwürfe zu beschwichtigen. So bezeichnet er den ruppigen Umgangston als signifikant für den Handel. In der Foodbranche verhandeln Beteiligte bis zur vierten Stelle nach dem Komma, so ist es üblich und die etwas feineren Herren aus der Industrie tun sich schwer, wenn sie deutlich angesprochen werden, meint der Unternehmenslenker nonchalant. Gegenüber den Ver.di-Anschuldigungen, argumentiert Gehring frohlockend mit gewollter Dezentralität, Marktnähe und Eigenverantwortung. Einzelne Fehlleistungen der Filialleitung gegenüber Verkäuferinnen und Kassiererinnen kann niemand vollends ausklammern. Vehement gibt er weiter Paroli, daß keineswegs ein internes Schikanensystem vorherrscht und Überstunden der Angestellten bezahlt werden.
Der Lidl-Chef Gehring gibt sich einmal mehr zuversichtlich, das Konfliktpotenzial zu knacken. Häufen sich unbequeme Vorwürfe gegenüber der mächtigen Handelsgruppe, öffnen sich gönnerhaft die Lidl-Kommunikationskanäle, die sonst so verriegelt sind. Beanstandungen der Arbeitnehmerschaft werden routiniert glatt gebügelt; für die Zukunft Besserung gelobt.
Vermutlich unterschätzt Gehring die Dienstleistungsgewerkschaft, denn Ver.di wird keineswegs die Kaskadenmaschinerie aktivieren, um "duck and cover" zu spielen. Rechtskräftige Verurteilungen von Anton Schlecker und seiner Ehefrau wegen Tarifbetrugs in den 90er Jahren, die auf Bestrebungen der Gewerkschaft HBV Baden-Württemberg - mittlerweile Ver.di - zurückgehen, sind als Stichwort in Erinnerung zu rufen.
Die Fülle der Äußerungen über die Arbeitnehmersituation bei Lidl ist in einem Grad höchst erschreckend und befremdlich. Es sollten sich aus den angewandten Verhaltensweisen gegenüber Arbeitnehmern bei der Schwarz-Gruppe keine maßgeblichen Wettbewerbsvorteile ergeben: Lidl als Vorreiter in der Einzelhandelsbranche.
Es wird deutlich, der schlimmste Feind des Kapitalismus kann er selbst sein. Eigennutz des Menschen, der Egoismus und der fast animalische Trieb mehr materielles Eigentum anzuhäufen als der Nachbar, wesentliche Antriebskräfte des Kapitalismus werden bis zum Anschlag ausgereizt. Gilt das Motto "Catch-as-catch-can", so stellen sich simple Fragen, wieviel Habgier verträgt eine Gesellschaft und welche Richtlinien braucht es, um eine Selbstzerfleischung innerhalb einer sozialen/ freien Marktwirtschaft zu vermeiden? Ein Vertreter des populären Hollywoodkinos, der Börsenhai Gorden Gekko, brachte 1988 in den Streifen "Wallstreet" den Satz "Gier ist gut". Sollte die Filmfigur durch den Ausspruch negativ und abschreckend skizziert werden. Vollzog sich zur Jahrtausendwende eher ein Wandel. Solche Äußerungen werden zweifelsohne als Ausdruck von Gewitztheit verstanden, gelten als chic und haben den gesellschaftlichen Konsens erreicht. Nun fort vom Kino, zurück zur Realität alla Lidl.
Auf Anfrage von Rote Grütze gab sich das Lidlunternehmen am Telefon und per Elektropost äußerst stumm, aber desgleichen die Engel & Zimmermann AG, die maßgeblich für Öffentlichkeitsarbeit innerhalb der Schwarz-Gruppe zu ständig ist, gab keine relevanten Informationen oder Stellungnahmen weiter. Ebenso Herr Dr. Peter Oesterdiekhoff von einem 1991 gegründeten Gesprächskreis der Friedrich Ebert Stiftung in Berlin, indem über 1200 Führungskräfte des mittleren und oberen Management aktiv sein sollen, blieb gegenüber einer entsprechenden Roten Grütze Anfrage über die Lidl-Arbeitspraktiken wortkarg.
Die Französin Viviane Forrester formulierte Mitte der 90er Jahre in einem arg links gepfefferten Essay die legitime Frage, "welche Verbündeten verbleiben dann all jenen, die doch nur durch eine radikale Zustandsbeschreibung davor gerettet werden können, sich für ihr Elend zu schämen und lebendig vergessen zu werden"? Und ob: Einen solchen Zustandsbericht haben Hamann und Giese zusammen mit der Dienstleitungsgewerkschaft vorgebracht. Ver.di kann keineswegs als alleiniger Mahner ausgemacht werden. Die Lidl Stiftung GmbH & Co, vertreten durch Dieter Schwarz, empfing im Jahr 2004 in der Kategorie Arbeitswelt den "Big Brother Award" für intensive Überwachung und Kontrolle des Personals. Überregionale Zeitungen und Magazine zum Teil wirtschaftsorientiert beanstanden gleichsam Defizite. Die Bedenken an den Praktiken der Schwarz-Gruppe - ganz zivil vorgetragen scheint weitflächiger gestreut.
Billig auf Kosten anderer - Das Lidl-Schwarzbuch
Autoren: Andreas Hamann/ Gudrun Giese
Herausgeber: Franziska Wiethold/ Ver.di
1. Auflage Dez. 2004
ISBN- Nummer 3-932349-12-1
Heiko Nitzschke

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