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21.12.2004


Von Liebe und Armee - Yossi & Jagger

Drama, Israel 2002, seit Juli 2004 auf DVD

 

Ein Überraschungserfolg aus Israel, mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft - darunter aussagekräftige Ehrungen wie z.B. Publikumspreise. Grund genug also - auch für Pazifisten - sich mal einen Film anzusehen, der beim Militär spielt. Regisseur Eytan Fox erzählt auf einfühlsame und zugleich unterhaltsame Art die (wahre) Liebes-Geschichte zwischen zwei Soldaten in der israelischen Armee.

 

Gezeigt wird das Leben von jungen, vitalen Menschen, die sich in der brutalen Realität des Libanon-Krieges wiederfinden. Sie sind, als kleiner Haufen zum Zwangsdienst zusammengewürfelt, in einem Außenposten der israelischen Armee stationiert. An der Grenze zum ewigen Feind, in trostloser Ödnis und bitterer Kälte versucht hier jeder der ständig lauernden Kriegsgefahr auf seine

 

ganz eigene Art und Weise zu begegnen. Die Einheit ist, wie in der IDF (Israel Defense Forces) üblich, gemischt. Dokumentiert wird der Alltag im Camp, mit Macho-Gehabe, Mädchengesprächen und Anschiss. Die Verhältnisse in den Wohncontainern sind beengt. Die Soldaten sind gefangen in ihrer eigenen Welt, in der das verdorbene Fleisch aus dem defekten Kühlschrank metertief vergraben werden muss, weil es bestialisch stinkt, und die Disko-Improvisation mit Musik aus dem Ghettoblaster absolut surreal wirkt.

 

Im Mittelpunkt des Filmes stehen der ruhige, wortkarge, pragmatische Kommandeur Yossi, der sich seinem militärischen Auftrag hier mehr als verpflichtet fühlt und der lebensfrohe, eher extrovertierte, unerschrockene Korporal Lior (der von allen Jagger genannt wird, weil er charismatisch und gutaussehend wie ein Rockstar sei). Trotz ihrer offensichtlichen Unterschiede verbindet die beiden Männer ihre Liebe zueinander, die in der israelischen Armee genau so verpönt ist wie in jeder anderen Armee auch, und genau wie in jeder anderen Armee vorkommt. Yossi besteht zum Ärger von Jagger darauf, die Beziehung geheim zu halten, der gerne eine Liebe wie in einem amerikanischen Film, mit Liebesschwüren und Kitschmusik hätte und davon träumt mit seinem Freund bald ein neues Leben jenseits von Furcht und Militär zu beginnen. Sind beide alleine in der kargen, winterlichen Berglandschaft auf Erkundungstour, scheint es keine Grenzen, keine Gegensätze, keinen Krieg, sondern nur ihre Liebe zu geben. Doch in der Gemeinschaft der Truppe holt sie die Realität schnell wieder ein, gibt Yossi den kühlen Soldaten der öffentlich keine noch so kleine Geste der Zuneigung duldet.

 

Zu dieser Realität gehören auch die Funkerin Yaeli, die nicht ahnt das Jagger schwul ist und ihm, hoffnungslos verknallt und unbeholfen, versucht ihre Liebe zu gestehen, sowie ihre Kollegin Goldie, die vom obersten Kommandanten für eine schnelle Nummer in ein schmuddeliges Kabuff gebeten wird. Es gibt den zum Küchendienst abgestellten Kameraden, der sich zu kulinarischen Höchstleistungen anspornen lässt, welcher aus purem Spaß an der Freude und einer Portion Phantasie aus praktisch Nichts ein Menü zu zaubern versteht und der nach seinem Dienst ein Restaurant eröffnen will. Jeder in diesem Camp ist hier ein Individualist, ein Überlebenskünstler geworden. Und als Yossi es dann doch mal wagt, in einem unbeobachteten Moment dem wachhabenden Jagger seinen Nachtisch zu bringen, wird klar, dass er aus ihrer Beziehung genauso viel Kraft zum Weitermachen schöpft wie sein Freund.

 

Aber der Krieg kennt keine Pause, kein Erbarmen. Ein riskanter Einsatz soll durchgeführt werden, obwohl die Mannschaft ausgelaugt ist, zermürbt und ohne Antrieb und eigentlich ein paar Tage Erholung bräuchte. Yossi ist nicht im geringsten von dem Plan seines Vorgesetzten überzeugt, doch dieser erteilt die Befehle und so soll nachts ausgerückt werden. Man ahnt, spätestens jetzt, wie es ausgehen wird. Die Katastrophe, das verlangt schon die Dramaturgie eines solchen Films, ist vorprogrammiert. Es kann kein Happyend geben. Als Yossi endlich den Mut hat, das verdammte Tabu zu brechen, sich viel zu spät zu seiner Liebe zu bekennen und sie auszusprechen liegt die Welt schon in Trümmern. Und dennoch bleibt zum Schluss, trotz aller Schwere, so etwas wie Hoffnung.

 

Der Film besticht durch gelungene Charakterzeichnungen und seine schnörkellose, flüssige Geradlinigkeit, die mitreißt. Dass dies funktioniert, dass die Geschichte beim Zuschauer, unabhängig von dessen Einstellungen und Ansichten, Emotionen weckt, das verdankt er der natürlichen und unbeschwerten Schauspielkunst seiner beiden Hauptdarsteller. Sie schaffen es die Atmosphäre dieses sensibel inszenierten Films, der angeblich auf einer wahren Begebenheit beruht, zum Zuschauer zu transportieren. Die wackligen Bilder einer Handkamera (Yaron Scharf) spiegeln die Unsicherheit der Protagonisten treffend wider. Die Beziehung von Yossi und Jagger ist eine fürs Kino ungewöhnlich authentische. Der Film zeigt zwei Menschen, die Spaß haben wollen, die verrückt danach sind miteinander zu schlafen, die sich ärgern, zum Lachen zu bringen und einfach zusammen zu sein wollen, und benennt all dies Liebe. Vielleicht ist es diese Erkenntnis, dass die Liebe keine Himmelsmacht ist, sondern einfach eine Möglichkeit glücklich zu sein, etwas wofür es sich lohnt Hindernisse zu überwinden, die den Film so romantisch und intim macht.„YOSSI & JAGGER " ist sicher einer der berührendsten Filme, die jemals gesehen habe. Ein bewegendes, trauriges Plädoyer für die Liebe.

 

Regisseur Eytan Fox ist ein Linker und homosexuell. Das Militär war wenig erfreut über die Pläne zu diesem Film und verweigerte ihm die Zusammenarbeit, wo es konnte - angeblich nicht deshalb, weil es sich um eine schwule Lovestory handelt, sondern weil sie sich zwischen einem Vorgesetzten und seinem Untergebenen abspielt. So war Fox klar, dass sie mehr Geld investieren müssten, um sich Gewehre und Uniformen zu leihen und die Locations für den Dreh zu mieten. Gerade mal 200 000 Dollar standen ihm zur Realisierung des Projekts zur Verfügung. In Israel sprengte der Film, der sich in einer großen emotionalen Spannweite zwischen Fröhlichkeit und Trauer bewegt, dann alle Erwartungen. Ursprünglich fürs Fernsehen konzipiert und nur 67 Minuten lang, wurde er auf Anfrage Tausender von Zuschauern von den verblüfften Produzenten auf die Leinwand gebracht. Ganze Schulklassen und Armee-Einheiten strömten in die Kinos und liebten den Film. Er lief über Monate hinweg als Überraschungshit beim jungen Publikum und löste intensive Diskussionen aus. Laut Aussage von Fox gab weder von Seiten des Militärs, noch von anderer Seite negative Reaktionen.

 

Auf dem Independent-Filmfestival in Tribeca wurde Ohad Knoller, der Yossi verkörpert, mit dem Preis als bester Darsteller ausgezeichnet. Auch der beliebte israelische Soap-Opera-Star und Frauenschwarm Yehuda Levi spielt die Figur des Jagger perfekt. Beide zeigen sich ohne Berührungsängste.

Den wunderbaren Soundtrack zu „Yossi & Jagger" kreierte Ivri Lider, einer der populärsten israelischen Sänger und Songwriter. Hauptthema ist das sehr beliebte und vor allem unter den Jugendlichen des Landes als Liebeshymne verehrte Stück „Your Soul" von Israels Ethno-Schlager-Göttin Rita. Manche bezeichnen das Lied auch treffend als Coming Out Hymne. Die Filmversion von Ivri Lider, die er im Abspann singt und die genau die Stimmung der Story aufnimmt und unterstreicht, fand 2002 nach ihrer Veröffentlichung schnell den Weg in die Hitparaden Israels. Lider selbst hängte dann auch gleich noch sein eigenes Coming Out dran.

 

.... "Komm lass uns den Nebel vertreiben. Komm lass uns im Licht stehen und nicht im Dunkel. Du darfst auch mal weinen, wenn etwas in dir zerbricht. Eines Tages wirst du aufhören, zwischen den Schatten in deiner Seele umher zu irren

Wie lange willst du weglaufen? Wie sind sie, die Momente deiner Angst? Man sollte sie vergessen, denn wenn der kalte Wind stürmt, schick ich dir mein heißes Feuer und eines Tages, eines Tages wirst du aufhören, zwischen den Schatten zu rennen" ...

 

Mehr Infos gibt es unter www.yossiundjagger.de

 

Sonja Yamann