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8.9.2004

Sommer, Sozialismus, Springe

 

Eigentlich kann man sich im Sommer etwas besseres vorstellen, als zur Schule zu gehen – nicht umsonst liegen die längsten Ferien in dieser Jahreszeit.34 Jusos aus 9 Landesverbänden konnten sich aber anscheinend nichts Besseres vorstellen und verbrachten 4 Tage vom 8. bis 12. August 2004 in der Heimvolkshochschule (HVHS) Springe – bei der ersten Juso-Sommerschule auf Bundesebene.

 

Sehr idyllisch über der Stadt Springe, im Deister, ca. eine halbe Stunde von Hannover entfernt gelegen, bot die HVHS die entsprechende Atmosphäre zum Lernen, denn leicht abgeschottet von der Außenwelt fühlte man sich schon. Und so verbrachte man den Tag mit politischer und sozialistischer Theorie und den Abend damit, sich kennen zu lernen und Diskutiertes zu verarbeiten.

 

Als Location hat die HVHS einiges zu bieten. Bereits bei der Begrüßung durch Mechthild Brandt, der verantwortlichen Seminarleiterin vor Ort, wurden wir darauf vorbereitet, dass man nach längerem Aufenthalt das ein oder andere Kilo mehr mit nach Hause nehmen würde. Bei 3 vollen Mahlzeiten vom Büffet, Kaffeepause am Morgen und Kaffee mit Kuchen am Nachmittag, ist das auch kein Wunder. Das Schlimmste daran: das Zeug schmeckt auch noch!

Da aber schon am zweiten Tag ein gewisser Bewegungsdrang erwachte, konnte man auch gleich gegen unnötige Kilos vorgehen. Organisiert wie immer, ging eine Liste um, in die man sich für Fußball, Minigolf und/oder Kegeln eintragen konnte. Soviel Einsatz, wie beim Fußball, würde ich gerne öfter in der Politik erleben. Vor allem blieb alles friedlich und niemand wurde verletzt – bis auf ein paar blaue Flecken.

 

Die sportliche Betätigung sollte aber auch fast der einzige Freizeitprogrammpunkt bleiben, denn so viel freie Zeit hatte man nicht. Es ging ja aber auch ums Lernen, und das wurde von 9 Uhr morgens bis spät abends voll durchgezogen.

Heraus kamen dabei die Vermittlung der Grundlagen des historischen und dialektischen Sozialismus, der Staatstheorie zum Demokratieverständnis, der Globalisierung und der Rolle Europas in eben jener.

 




Als Teil der Verbandsschule des Juso-Bundesverbandes wurde die Sommerschule auf dem BuKo 2003 in Bremen beschlossen. Vereinzelte Sommerschulen gab es bereits auf Landesebene. Für die Bundesebene war es ein Pilotprojekt, das an uns Sommerschülern ausprobiert wurde. Schaden soll – Gerüchten zufolge - niemand davon getragen haben.

 

Der Gedanke hinter der Sommerschule ist, die Bildungsarbeit der Landesverbände auf Bundesebene zu verknüpfen. Dabei will man sich keinesfalls in die Arbeit der unteren Gliederungen einmischen, sondern sie unterstützen. Bezirksseminare fallen immer öfter aus, die Bildungsarbeit kommt zum Erliegen, ohne dass sie dabei an Wichtigkeit verliert. Seminare sind keineswegs langweilig geworden, aber die Ansprüche haben sich geändert.

 

Wie wichtig Bildungsarbeit ist, sollten momentane Reformdebatten zeigen, bei denen Medien all ihre Polemik auffahren, Halbwahrheiten auf die Titelseite setzen und die Menschen so zu falschem Denken bewegen. Dabei geht es um das eigenständige Denken, das Hinterfragen der großen Reformen, aber auch Kritik durch das ganze Parteinspektrum.

 

Und so beschäftigten sich auch die Podiumsdiskussionen der Sommerschule zum größten Teil mit der Frage, wo die SPD denn stünde. Darüber hinaus diskutierte man über die Bedeutung des Kapitalismus für den Sozialismus und die Wege internationaler Politik  - und damit verbunden über die Frage, wie sozial die SPD noch ist und wohin die Zukunft führen soll. Leider blieben die Diskussionen weitgehend oberflächlich und wurden geprägt durch die konträren Sichtweisen der TeilnehmerInnen: Die einen waren verzweifelt, die anderen sahen nur den Teufel an die Wand gemalt.

 

Die Frage, wie man sich fühle, wenn man in einem Zug sitzt, der auf den Abgrund zu fährt, und der Schaffner noch Gas gibt, blieb unbeantwortet. Allerdings wurde alles, was im „Unterricht“ nicht beantwortet werden konnte, abends im Bistro weiter diskutiert. Dies führte zu spannenden Gesprächen über den Sozialismus, die Zukunft der SPD und die eigene Erfahrung auf Bezirks- und Landesebene führte – abseits jeglicher Theorie.

 

An vielen Stellen war die Sommerschule ein Balance-Akt, der gut gemeistert wurde. Gesucht wurde die Balance zwischen Theorie und Methodik, zwischen Grundlage und Tiefgang, zwischen wissenschaftlichen Referat und Jusos, die damit bisher kaum Erfahrung hatten. Das Anliegen bestand darin, Jusos mit linken Wissenschaftlern zusammen zu bringen, mit der Erkenntnis, dass linke und kritische Theorie in der Uni nicht mehr diskutiert werden.

 

Beim Blick in die Runde voller Studenten und auf die Referentenliste, wollte sich leichte persönliche Panik ausbreiten. Panik davor, bei den Referaten und Diskussionen nichts mitzukommen. Völlig unbegründet, wie sich schnell zeigte, denn durch ihre lockere Art und deutliche Vortragsweise, konnten die Referenten vom Thema, aber auch von sich überzeugen. Von wegen Staatstheorie ist langweilig und den Sozialismus versteht man nicht. Zudem blieb immer genügend Raum für Fragen. Die Vermittlung von Grundlagen wurde als Ziel erfüllt. Kritik wurde von denen geäußert, denen die tiefergehende Beschäftigung mit den Themen oder die Verknüpfung von der Theorie zur Praxis fehlte.

 

Die Umsetzung des vermittelten Wissens, liegt nun in unseren Händen. Den Anstoß und Impulse für die Juso-Arbeit vor Ort haben wir mit auf den Weg bekommen, jetzt muss jeder sehen, wo er seine Schwerpunkte setzt. Was getan werden muss, ist klar: Weitervermittlung des Wissens zur Bildung von politischer Meinung, innerhalb der Jusos, aber auch nach außen.

 

Bleibt noch, danke zu sagen: danke für den Input, die Grundlagen, die Themen; danke für die tolle Atmosphäre, gegenseitigen Respekt bei den Diskussionen; Danke für die Erfahrung. Und ganz besonderen Dank für die tolle Organisation und das Bereitstellen der Schulungsunterlagen.

 

Ich persönlich hoffe, dass die Sommerschule als Pilotprojekt erfolgreich war, weiterentwickelt wird und im nächsten Jahr neuen Schülern die Möglichkeit bietet, politische Theorie, Methodik und ganz verschiedene Jusos kennen zu lernen.

 

Heike Boldt