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8.9.2004


Auf, auf zum Kampf! - Tagebuch eines BeKo-Wochenendes

 

Juso-Bezirkskonferenz 2004 Konferenzen gehören zur Parteiarbeit wie der Weihrauch zur katholischen Kirche. Aber wie nimmt der klassische Juso diese wahr? Wie wirkt eine Bezirkskonferenz auf eine erstmalige Besucherin, die traditionell in der Zählkommission landet – und wie auf einen Wiederholungstäter?

 

Stefan:

Samstag früh. Noch 10 Minuten bis zur Abfahrt des ICEs nach Hannover. Der

riesige Kaffeebecher in der Hand wärmt in der kalten Bahnhofshalle auf und

weckt ein wenig auf – denn die Nacht war kurz. Bin besser noch mal

Rechenschaftsbericht, Arbeitsprogramm, Anträge und Vorbesprechungsergebnisse

durchgegangen, man will ja auf der Konferenz im Bilde sein. Langsam trudeln

alle Delegierte ein, der Mann mit den Fahrkarten ist auch da. Level 1

geschafft.

 

Das im Zug nach Hannover Plätze frei waren, hätte mich gleich stutzig machen

müssen. Als wir mitten in den letzten Vorbesprechungen sind, meckert und

motzt einer der Fahrgäste plötzlich rum. Wieder mal übersehen, dass es ein

Ruhewagen ist. Mist. Also zurücklehnen, tief durchatmen, ein paar Blicke in

die Zeitung werfen und ein wenig entspannen.

 

Heike:

Auf dem Weg zur U-Bahn begegnen wir gleich den ersten Delegierten. Hey, jemand, der weiß, wo es lang geht!

Plötzlich scheint es im Hannoverschen Bahnhof nur so vor Jusos zu wimmeln. Oder ganz Hannover ist auf dem Weg zur Bezirkskonferenz.

Der erste Eindruck: Man kennt sich halt.

 

Stefan:

Am Konferenzort angekommen geht es los: In Listen eintragen, Stimmkarten

einsacken und die markierten Plätze suchen. Für einige Anträge liegen schon

Änderungsanträge vor, für Initiativanträge müssen erst noch genügend

Unterschriften aus verschiedenen Unterbezirken gesammelt werden. Viel

Kommunikationsarbeit. Und mittendrin stellt man fest, dass man von Jahr zu

Jahr immer weniger Delegierte kennt. Man wird halt doch alt.

 

Während des ersten Stresses vergessen die eigenen Delegierten schon ihre

Stimmkarten am Platz – die absolute Todsünde auf Juso-Konferenzen. Ohne

Stimmkarte kein Mitstimmen und so hat sich schon mancher Mehrheiten

organisiert, in dem er fremde Delegationen dezimiert hat. Also gleich

einsacken und mit bösem -aber pädagogisch wertvollem – Blick hinterher

tragen.

 

Zum Glück trifft man dabei doch noch alte Bekannte und schwelgt in alten

Geschichten aus der Zeit, in der man sich noch erbitterte Flügelkämpfe

lieferte und in der Bezirkskonferenzen immer einen Touch von kaltem Krieg

hatten. Währenddessen beginnen, natürlich mindestens eine Dreiviertelstunde

zu spät, die Grußworte in denen die Parteigrößen die Jusos bauchpinseln und

mal das sagen, was jeder im Raume hören will. Zeit also für weitere

Textarbeiten, unterbrochen durch gelegentliches Zunicken und

zustimmungsvolles Klatschen.

 

Anschließend beginnen die Berichte des Vorstands, währenddessen man aus

gestellten Änderungsanträgen für alle tragfähige Korrekturen bastelt. In

Zeiten, in denen es der Gesamtpartei schlecht geht, muss man sich ja nicht

auch noch selbst zerfleischen. Folglich unspektakulär geht auch die

Entlastung des Vorstands und der Beschluss des Arbeitsprogramms durch,

undenkbar in früheren Tagen.

 

Heike:

Ins Freizeitheim haben wir es geschafft – und wie nun weiter? Man erblickt im Eingang zum Konferenzraum die ersten Listen. Wenigstens etwas Bekanntes, in die man sich nach verständnissuchenden Fragen einfach mal einträgt, die Stimmkarte einsackt und sicher verstaut. Wer hat schon 5 Euro, um die Karte aus den Fängen des Delegationsleiters zu befreien.

Nach dem Einrichten auf seinem Platz gehen die Blicke durch den Raum, auf der Suche nach bekannten Gesichtern. Diese verstecken sich tatsächlich in einem Haufen voller Fremder.

Am Platz hält es mich nicht, dazu bin ich zu nervös. Aufgescheucht renne ich hin und her, suche nach dem Stefan, da noch so viele Fragen offen sind, mit denen ich ihn löchere.

Vor dem Konferenzbüro erwischt es mich dann: die Frage, ob ich im Konferenzbüro mitarbeiten könnte. Das soziale Herz kann sich dem nicht verweigern und verbringt die Grußworte mit dem Kopieren von Anträgen.

 

Stefan:

Ein leichtes Grummeln entsteht bei den Vorstandswahlen, weil die eigenen

Kandidatinnen zwar gewählt sind, die Stimmergebnisse aber nicht sonderlich

rosig aussehen. Dieses Grummeln ist nicht zu verwechseln mit dem anderen,

das durch den Genuss einer Erbsensuppe beseitigt wird. Wie schon damals bei meiner ersten Bezirkskonferenz. Damals - auch in Hannover.

 

Dumm nur für die VegetarierInnen, dass die Würstchen schon geschnitten in

der Suppe hängen. Unter Sigmar Gabriels närrischer Wahlniederlage leiden

also doch wieder die Minderheiten.

 

Heike:

Das Mittagessen: Meinte nicht jemand, dass es auf Juso-Veranstaltungen grundsätzlich auch vegetarisches Essen geben würde? War wohl nichts. Die Wurst war in der Erbsensuppe und ließ sich auch nicht als Soja- oder Tofuwurst verkaufen.

Beschwerde beim alten Bezirksvorstand eingereicht und ein Sandwich in der Cafeteria gegessen. Da wäre ein Antrag auf Kostenrückerstattung fällig gewesen – einfach so aus Rache.

 

Stefan:

Nach der Mittagspause folgen die ersten Anträge. Die Antragstenor ist

konsensual, man stimmt auch mal nicht gegen eine flache Resolution, die

sowieso in Ablage P landet. Die Debatte ist ruhig, zumindest bis ein

Nachwuchs-Sozi im Frack die These verbreitet, Drittelparität an Schulen wäre

Unsinn, Schulen seien kein Parlament und Lehrkräfte als ausgebildete

Pädagogen müssten auch noch erziehen dürfen. Die Enttäuschung über die junge

Generation verfliegt, als die passenden Wortbeiträge der anwesenden

SchülerInnen auf den Diskutanten nieder prasseln. Die Partei ist doch noch

zu retten.

 

Heike:

Zwischen den ersten Anträgen finden auch weitere Wahlen statt. Der größte Brocken ist die Wahl der Delegierten zur Landeskonferenz. Keine Ahnung, warum das Auszählen so lange dauerte, aber von den Anträgen war nichts mitzunehmen. Selbst der eigene Auftritt mit einem Änderungsantrag wurde verpasst, was zu Unverständnis in der Delegation führte.

Das ewige Zählen ließ die Nerven blank liegen. Nicht mal die Tipps der alten Hasen erleichterte das Verfahren. Mein Entschluss am Abend: keine Zählkommission mehr. Sucht euch doch wen anderes!

 

Stefan:

Nach Besuch der futuristisch gestylten Jugendherberge zieht es einen ins

Nachtleben. Es folgt eine der legendären Juso-Parties in guter Atmosphäre

bei klasse Musik und etwas geistigem Getränk bis spät in die Nacht. Nachdem

auch die letzten Zimmerkollegen früh morgens sturzbetrunken ins Zimmer

poltern und dabei rumlärmen, bleiben noch wenige Stunden Schlaf.

 

Heike:

Die Jugendherberge erinnert an ein riesiges IKEA-Schiff, das zum Verlaufen einlädt. Etliche Treppenaufgänge, in denen man sich verliert. Was man findet sind Jusos, die das Gleiche suchen: ihr Zimmer. Hat man das gefunden, gibt es auch schon Abendessen und die Diskussion über die Abendgestaltung. Bereits auf der Konferenz wurden Vorschläge verteilt, von denen noch zwei zur Entscheidung stehen. Man teilt sich auf, da man sich wie üblich nicht einigen kann.

Im Laufe der Nacht findet der große Teil aber doch wieder zusammen. Und zwar im Faust, einer Disco, die sich in mehrere von einander getrennte Discos aufteilt. Nachdem zu viel Zeit im falschen Teil verbracht wurde, wo zwar interessante Band live spielten, es aber nichts tanzbares gab, wurden wir in einen anderen Teil geholt. Dieser füllte sich erst durch uns und ließ an eine Privatparty denken.

Die restliche Nacht kreiste man die Hüften zu Latinklängen und Gute-Laune-Pop vom Feinsten in noch feinerem Ambiente. Bis einen die Angst vor verschlossenen Jugendherbergstüren zu stehen, heim trieb.

 

Stefan:

Dementsprechend auch die Stimmung am nächsten Morgen auf der Konferenz: Man versucht am Leben zu bleiben, pfeift sich einen Latte Macchiato rein und lässt in kollektiver

Müdigkeit die letzten Anträge und Wahlgänge über sich ergehen.

 

Heike:

Einige Stunden später steigt man aus dem Bett, passt einen günstigen Moment für die Gemeinschaftsdusche ab und schleppt sich zur ersten Tasse Kaffee des Tages.

Das gestellte Lunchpaket wird noch mit geschmierten Broten gefüllt, um bloß nicht zu verhungern.

Der Konferenztag beginnt mir dem Hinweis, dass bestimmte Beschimpfungen unmöglich und eine Unart sind. Was ja auch stimmt! Die Entschuldigung des Übeltäters folgt prompt und eine längere Diskussion entfällt. Sind ja doch zivilisierte Leute hier.

Es folgen also die letzten Anträge und Wahlen. Ich zähle doch wieder mit, verpasse dadurch nicht nur die Anträge, sondern fast auch die Abreise meiner Delegation.

 

Stefan:

Sonntag Nachmittag. Gemütlich im Sessel noch mal über alles nachdenken.

Gewiss ist nicht alles perfekt gelaufen und gehakt hat es an allen Ecken und

Enden. Wichtig aber ist ja schließlich, was hinten raus kommt. Glaubt man,

weiß man, während einen die Sonnenstrahlen am frühen Nachmittag in den

Schlaf begleiten. Kaffee ist eben doch kein Ersatz für Ruhe.

 

Heike:

Ich bin erschöpft, genervt, gereizt und will nur noch meine Ruhe. Im Zug verarbeite ich die Eindrücke des Wochenendes. Zu Hause werfe ich mich auf das Sofa, schlafe ein.

Die Lust auf eine weitere Bezirkskonferenz bleibt bestehen – aber bitte ohne Zählkommission. Lustig war’s ja halt, so ein Haufen Jusos, der andächtig lauscht, diskutiert, wählt und abends friedlich feiern geht.

 

 

 

Heike Boldt (als BeKo-Anfängerin) und Stefan Christmann (als BeKo-Wiederholungstäter)